Dorothee Bär und das EU-Parlament fordern, Freier zu bestrafen. Darunter würden vor allem Frauen leiden.
Von Alexander Wulfers
Dorothee Bär sieht in Deutschland das „Bordell Europas“.Jens Gyarmaty
Was ist der richtige Umgang mit der Prostitution, und wie schützt man Frauen am besten, die gegen ihren Willen dort hineingeraten? Deutschland hat sich vor zwei Jahrzehnten für einen liberalen Ansatz entschieden und die Sittenwidrigkeit des Rotlichtsektors beendet. Die Folgen sind umstritten. Deutschland sei seitdem zum „Bordell Europas“ geworden, kritisierte die Bundestagsabgeordnete Dorothee Bär (CSU) in dieser Woche. Sie fordert deshalb die Einführung des sogenannten „nordischen Modells“, wie es unter anderem in Schweden praktiziert wird. Dabei machen sich nicht die Sexarbeiter selbst strafbar, sondern deren Kunden. Statt des Angebots wird die Nachfrage eingedämmt.
So zumindest geht die Theorie. Ein Sexkaufverbot findet auch bei denen Anklang, die eine Bestrafung schutzbedürftiger Frauen für den falschen Weg halten. Bär verwies darauf, dass in Schweden die Prostitution um 50 Prozent zurückgegangen sei. Auch das Europäische Parlament forderte am Donnerstag die Mitgliedstaaten auf, „effektive Maßnahmen zur Reduzierung der Nachfrage nach Prostitution“ einzuführen und verwies auf den Erfolg des schwedischen Modells. Kritik an Bärs Vorstoß kam aus der Branche selbst. Der Sprecher des Berufsverbands für erotische Dienstleistungen warnte, ein Sexkaufverbot werde die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen verschlechtern.
Wer hat Recht? Tatsächlich gibt es bisher nur wenige Untersuchungen, die kausale Effekte eines Sexkaufverbots nachweisen. Der Bericht, auf den Bär sich bezieht, zeigt nur einen zeitlichen, keinen kausalen Zusammenhang. Er spricht auch nur von einem Rückgang der Straßenprostitution – während im Internet die Verfügbarkeit zugenommen habe. Den Rückgang der Nachfrage belegen die Autoren unter anderem damit, dass in Umfragen weniger Männer angaben, für Sex zu bezahlen, als vor dem Verbot. Das mag an einem tatsächlichen Rückgang liegen – oder daran, dass Menschen sich ungern zu einer Straftat bekennen.
Nachfrage leicht gestiegen
Detailliertere Ergebnisse zu den Auswirkungen auf die Branche liefert eine Studie aus Großbritannien, wo der Kauf sexueller Dienstleistungen zwischen 2007 und 2009 kriminalisiert wurde. Dort ging die Nachfrage überhaupt nicht zurück, sondern stieg sogar leicht. Die Zusammensetzung der Kundschaft veränderte sich hin zu risikofreudigeren Männern, die unter anderem eine größere Zahl unterschiedlicher Sexualpartner haben und öfter Alkohol trinken.
Noch bedenklicher ist ein Ergebnis aus Schweden. Der Ökonom Riccardo Ciacci identifizierte dort eine Zunahme von Vergewaltigungen als Konsequenz des Sexkaufverbots. Auch Ciacci fand keinerlei Beleg für einen Rückgang der Prostitution. Eine weitere Studie zeigt zudem, dass auch die häusliche Gewalt zunahm. Immerhin gibt es aber aus Norwegen und Schweden Hinweise, dass der Menschenhandel zurückging.
Sexuelle Gewalt nahm zu
Auch in Nordirland wurde 2015 ein Sexkaufverbot eingeführt. Das Resultat: Der Markt schrumpfte zwar kurzfristig stark, erholte sich aber danach wieder. Gleichzeitig nahm die sexuelle Gewalt zu. Die Ergebnisse passen zu einer weiteren, länderübergreifenden Untersuchung, die zu dem Schluss kommt: „Prostitution ist ein Substitut für sexuelle Gewalt.“ Insbesondere das nordische Modell könne „unvorhergesehene Folgen“ haben.
Ist die Eindämmung der Prostitution also hoffnungslos? Riccardo Ciacci hat einen anderen Vorschlag, für den er in seiner eigenen Forschung Belege gefunden hat: „Wenn das Ziel ist, Prostitution zu reduzieren, gäbe es eine Menge Dinge, die man tun könnte, indem man die Ungleichheit der Geschlechter beseitigt.“