Beruf und Chance
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Digitalisierung? Ja, aber ...!

An vielen deutschen Unis besteht digitales Lernen nur aus Powerpoint und PDF. Dabei ist der gute Wille doch da.
Von Jessica von Blazekovic
Bekannt wie ein bunter Hund: Den Roboter Pepper kennt inzwischen jedes Kind. Wird er irgendwann den Professor ersetzen? Wolfgang Eilmes

Trifft sich eine Gruppe von Menschen, die an Hochschulen arbeiten, um über die digitale Lehre zu diskutieren – und der Raum füllt sich mit Fragezeichen. Diese Situation hat nicht etwa im Jahr 1995 stattgefunden, also lange Zeit vor den ersten Smartphones und Tablets, sondern erst kürzlich in Frankfurt. In den hippen Räumen der „Design Offices“ am Wiesenhüttenplatz kamen Lehrende aus ganz Deutschland zusammen, um mehr zu erfahren über die Digitalisierung an den Universitäten und Fachhochschulen des Landes. Vor allem aber lernten sie, dass sie nicht allein sind mit ihrer Überforderung.

Zum Warmwerden macht Stefan Ludwigs von der Rheinischen Fachhochschule Köln erst mal einen Witz: Sein 18 Jahre alter Sohn habe gerade sein Abitur bestanden – seine Kompetenzen in der Wissensaneignung über das Internet reichten aber gerade mal für Wikipedia. Das Publikum lacht. Dann der Stimmungsdämpfer: Ludwigs präsentiert erste Ergebnisse aus einer Studie des Pearson-Verlags über den Status quo des „E-Learnings“ an deutschen Hochschulen, die im Frühjahr 2020 veröffentlicht werden soll. Befragt wurden dazu 951 Hochschuldozierende. Zwar gaben 85 Prozent der Teilnehmer der Umfrage an, mit E-Learning-Angeboten die Lehrqualität verbessern zu wollen – sprich: Der Großteil glaubt, dass E-Learning für den Lehrauftrag von Vorteil ist. Doch nur 18 Prozent der Befragten setzen digitale Lehrmethoden auch häufig ein. Mehr als die Hälfte greift demnach nur gelegentlich darauf zurück. Als Gründe dafür werden fehlende finanzielle Mittel (53 Prozent), mangelndes Fachpersonal (47 Prozent) und zu wenig Zeit (44 Prozent) angegeben.

Wer trotz dieser Hindernisse digitale Formate in seinen Vorlesungen und Seminaren einsetzt, nutzt der Studie zufolge am liebsten interaktive Übungen oder Videos und kann der digitalen Lehre durchaus einiges Positives abgewinnen: eine höhere Lernaktivität der Studierenden zum Beispiel (62 Prozent) und auch eine höhere Zufriedenheit (66 Prozent), höhere Motivation (57 Prozent) und einen höheren Lernerfolg (56 Prozent). Das etwas ratlose Fazit des Studienautors lautet deshalb: Die Dozierenden in Deutschland finden E-Learning super, die meisten machen aber trotzdem einen großen Bogen darum. Ludwigs zeigt sich selbst „irritiert von der Diffusität“ seiner Ergebnisse – etwa, dass es in den gesammelten Daten keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Einsatz von E-Learning und den einzelnen Fachbereichen gibt. „Alle meine Hypothesen sind in die Hose gegangen“, sagt Ludwigs und kann dabei immerhin über sich selbst lachen.

Doch dann ist es auch schon wieder vorbei mit dem Spaß. Denn nach Ludwigs tritt Jürgen Handke vor das Publikum. Wer den Anglistik-Professor von der Philipps-Universität Marburg kennt, weiß, dass sein Vortrag bestimmt schmissig wird, aber wohl kaum für bessere Stimmung im Raum sorgen kann: Handke gilt als einer der Vordenker der digitalisierten Hochschullehre, eckt mit seiner Meinung dazu aber regelmäßig an. Auch diesmal bleibt er sich treu: „Ich werde eine Einführung in das digitale Lernen in Deutschland geben – und massive Kritik am Fortschritt üben“, warnt er die Zuschauer vor.

Auch Handke hat Zahlen mitgebracht, die kein gutes Licht auf Deutschland werfen: In dem vom Centre for European Policy Studies (CEPS) im November veröffentlichten „Index of Readiness for Digital Lifelong Learning“ bildet die Bundesrepublik das traurige Schlusslicht der 27 untersuchten EU-Staaten. Der Index gibt an, wie gut ein Land auf dem Gebiet der digitalen Lehre aufgestellt ist. „Wir sind bereits abgehängt“, sagt Handke, der an der Studie mitgewirkt hat, „und es ist völlig klar, warum wir den letzten Platz belegen.“ Die Hochschulen in Deutschland würden seit zehn Jahren ihre Hausaufgaben nicht machen. Die Digitalisierung der Lehre habe sich bislang darauf beschränkt, alle möglichen Dokumente zu „pdf-isieren“ oder in Powerpoint-Präsentationen zu packen und das Material dann in „irgendwelche Lernplattformen“ hochzuladen. Dort geselle es sich zu 90 Minuten langen Videos von Dozierenden, die sich bei ihren Vorlesungen haben filmen lassen. Gähn! Diese wenig innovative Herangehensweise erzielt trotzdem einen Effekt, allerdings nicht unbedingt den gewünschten: „Die Studenten kommen einfach nicht mehr in die Uni“, sagt Handke. Ist ja alles im Netz zu haben. Dass einige Bundesländer deshalb die Präsenzpflicht wiedereinführen wollten, sei sinnlos: „Dann haben Sie Studenten, die physisch anwesend sind, aber nur ihren Whatsapp-Account pflegen.“

Handke schlägt stattdessen vor, was er schon lange predigt: den „Inverted Classroom“. Hier wird die klassische Lehre, wie sie in Deutschland seit mehr als 500 Jahren praktiziert wird, auf den Kopf gestellt. Die Studierenden eignen sich das Wissen über ein Thema mit Hilfe digitaler Angebote (zum Beispiel Youtube-Videos) zunächst selbst an, und erst nach einem bestandenen Online-Test dürfen sie zur Inhaltsvertiefung ein Seminar besuchen. Darin treten die Dozierenden nicht als Lehrer, sondern als Mentoren auf, betreuen die Studierenden, statt sie zu belehren. Der Anglistik-Professor fordert die Hochschulen auf, nicht länger an Strategien zu basteln, sondern „einfach zu machen“. Da meldet sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort: Sie soll an der Hochschule Osnabrück in den kommenden vier Jahren eine Digitalstrategie erarbeiten. Sie möchte wissen, was sie denn nun in diesen vier Jahren tun solle, wenn doch Strategien nutzlos sind? Sich die Absicherung von der Hochschulleitung einholen, dass es in Ordnung ist, zu scheitern, entgegnet Handke. „Wir brauchen ein neues Mindset.“ Zum Beispiel teilten deutsche Dozierende ihr Material nicht gerne – diskutierten dafür aber umso freudiger über die Risiken der Digitalisierung.

So auch einige Teilnehmer dieser Runde. Sie warnen etwa davor, Handkes Empfehlung zu folgen und Lehrmaterial zu verwenden, das im Netz für alle verfügbar herumgeistert. Die Qualität sei meistens fragwürdig, sagt einer. Wo bleibe da die Qualitätssicherung? Ob Bücher in Zukunft wirklich überflüssig seien, will ein anderer wissen. Aus Verlagsperspektive sei das alles sehr spannend, sagt ein Verlagsvertreter: „Ich sitze hier auf heißen Kohlen.“ Mancher Student lasse sich aber auch gerne berieseln, lautet eine weitere Wortmeldung. Wie können denn alle verschiedenen Lerntypen mit dem E-Learning abgeholt werden? Dann platzt einer Teilnehmerin der Kragen: Sie fühle sich hier an ihr Kollegium an der Hochschule erinnert: „Da heißt es immer: ,Ja, aber . . .‘. Und nicht: ,Wie kriege ich das hin‘.“

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