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Musik

Schmerz, der Aphorismus wird

Klarer und deutlicher als bei Fischer-Dieskau: Die Edition der Lieder von Hanns Eisler mit Holger Falk und Steffen Schleiermacher lässt einen verletzlichen Kämpfer hervortreten – durch Schlichtheit.
Von Gerald Felber
Schaute stets skeptisch auf seine Zeit: Hanns Eisler am Klavier im amerikanischen Exil Getty

Wenn man das OEeuvre Hanns Eislers in den Blick zu nehmen versucht, kann einem flimmernd bunt vor Augen werden. Während andere Werkverzeichnisse gepflegten Obstplantagen ähneln, wo die einzelnen Baumreihen schön von links nach rechts durchzählbar sind, steht man bei Eisler eher in einer Art Anarcho-Bauerngarten mit fröhlich durcheinanderlaufenden Farben und Spezies. Nutz- wie Zierpflanze und womöglich auch einiges Unkraut: alles durcheinander, aber am Ende doch in einer Harmonie eigener Ordnung – wobei große, komplexe Formen nicht unbedingt seine Sache waren.

Das wird durch die wenigen symphonischen Anläufe ebenso beglaubigt wie durch seine vergebliche Mühe um das Musiktheater, wo wenigstens einmal der lästerliche Gedanke erlaubt sein sollte, ob das Scheitern der „Faustus“-Oper zu Beginn der 1950er Jahre womöglich nicht allein den Zwingschrauben der SED-Kulturbürokratie geschuldet war, sondern hier vielleicht auch gar nicht erst werden durfte, was ohnehin nicht hätte sein können.

Ganz anders sieht es mit dem Liedschaffen des Künstlers aus – einer irisierenden Klangwolke von rund fünfhundert Gattungsbeiträgen, die, manchmal in mehreren Varianten, von intim-lyrischen Liedern klassischen Musters bis zu proletarischen Kampfgesängen reichen, oft Bestandteile seiner vielen Schauspiel- oder Filmmusiken waren und dabei zwischen kantatenhaften Gestaltungen und Volksliedimitationen kaum etwas auslassen, was komponierenden Geistern jemals für die Kombination von Gesangsstimme und Klavier eingefallen ist. Wobei sein Eigenstes vielleicht nicht zuerst in den schmissig-hart konturierten Agitpropliedern vom Anfang der dreißiger Jahre zu finden ist, obwohl diese in Ernst Buschs Prägungen den „Eisler-Klang“ vor allem in der DDR überproportional bestimmten. Wesentlich zeitungebundener und haltbarer dürften jene epigrammatischen, intelligent-durchsichtigen und knapp konzentrierten Formungen sein, für die ihm ebenfalls – wie ja für die Kampflieder auch – meist Bertolt Brecht die Texte lieferte.

Der Leipziger Komponist und Pianist Steffen Schleiermacher jedenfalls, gelassen durchblickender Experte im polystilistischen Durcheinander der letzten hundertzwanzig Musikjahre, erklärt Eisler zu einem der wenigen großen Liedverfasser jüngerer Zeit und nennt das „Hollywooder Liederbuch“ aus der amerikanischen Exilzeit des Komponisten umstandslos „den wohl bedeutendsten Liederzyklus des zwanzigsten Jahrhunderts“.

Von Schumann zu Schönberg

Diese verantwortungsträchtige Wertung findet sich in einem der ebenso kenntnisreichen wie erfrischend subjektiven, von Schleiermacher als mitwirkendem Tastenkünstler selbstverfassten Booklet-Texte einer auf vier CDs angelegten Folge, die beim Label Dabringhaus und Grimm in Kooperation mit dem Deutschlandfunk Kultur erscheint. Hier wird also nicht nur geredet, sondern auch getan, und das durchaus mit dem Mut zum Risiko; denn dass Eisler eine rundum anerkannte Musikpersönlichkeit sei, wird auch heute, lange nach den frontpolitisch bedingten Verhärtungen des Kalten Krieges, keiner behaupten wollen. Die bereits erschienenen CDs umfassen die Spanne von 1929 bis zum Todes des Komponisten 1962. Eine Zusammenschau seiner ersten dreißig Jahre, laut Schleiermacher eröffnet durch „Schumann- und Mahler-Anklänge mit falschen Tönen“ und etwas später die prägende Begegnung mit Arnold Schönberg einschließend, ist nun auf dem Markt und noch einmal besonders überraschungsträchtig, weil viele Kompositionen dieser Frühzeit überhaupt erst in den letzten Jahrzehnten wiedergefunden und erfasst worden sind.

Reich an Entdeckungen ist aber auch schon das Vorliegende, wobei es nicht um Vollständigkeit, sondern um das Aufzeigen von Konstanten wie Nuancen innerhalb dieser erstaunlichen Fülle geht, mit der Eisler rein numerisch zwar nicht Schubert, aber wohl alle anderen Kollegen inklusive Schumann hinter sich lässt.

Wie bei den bisherigen raren Anläufen auf größere Werkkomplexe (von männlicher Seite Dietrich Fischer-Dieskau und Wolfgang Holzmair mit dem Hollywooder Liederbuch, in jüngerer Zeit Matthias Goerne und letztlich auch Ernst Busch mit seiner spezifischen Literaturauswahl und Stilistik) ist es mit Holger Falk erneut ein Bariton, der sich in diesen so rauhen wie sensiblen Mikrokosmos vertieft: quasi als pragmatische, kraftvoll-kernige, aber auch noch hinreichend bewegliche Mitte des Stimmspektrums, die überdies das Potenzial zu jener optimalen Textverständlichkeit mitbringt, die Eislers wortsensible Vertonungen einfordern.

Sehnsucht hinter Ironie

Dass einem die so verschiedenen Beiträgen hier stets im gleichen Stimmcharakter begegnen, hat gegenüber einem Verfahren wie dem Graham Johnsons, der als Pianist bei seinen Komplett-Lied-Editionen auf wechselnde Sänger setzte, Vor- wie Nachteile. Es geht nicht ganz ohne Transpositionen ab, und die zündenden Kampfsongs wie das Einheitsfront- oder Solidaritätslied erscheinen bei Falk in verfremdender Weise kultiviert, eher episch-rhetorisch als handfest-draufgängerisch.

Andererseits vermag der Sänger seiner Stimme so viele Nuancen zwischen Zerbrechlichkeit und Wucht abzugewinnen, dass sich gerade wegen dieser stets identischen Ausgangspalette die chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit der Eisler’schen Ausdruckswelt besonders gut erschließt. Kleine Ironisierungen wie in manchen Tucholsky-Vertonungen sind möglich und liegen Falk gut, doch viel öfter geht es um Töne großer, schmerzlicher Sehnsucht.

Die Art etwa, wie er in den Hölderlin-Vertonungen des „Songbooks“ mit schlackenlos sachlichem Ernst ohne opernhafte Aufplusterungen und punktgenau artikulierend die dichterischen und musikalischen Inhalte vermittelt, ist klarer, direkter und deutlicher als bei Fischer-Dieskau oder Goerne, gestützt von Schleiermachers kristallklarer und nie falsch bescheidener, sondern offensiv gestisch formender Mitgestaltung. Legatobindungen, miniaturhafte Zerfallsprozesse, kleine Zäsuren, winzige Beschleunigungen oder Verzögerungen: nichts bleibt da, gerade in den oft extrem aphoristischen und dadurch besonders sinndichten Kompositionen der Exiljahre, funktionslos.

Bei dieser beachtlichen Unternehmung haben sich, mit dem Tonmeister Friedrich Wilhelm Rödding als souverän ausbalancierendem Drittem im Bunde, zwei Künstler gefunden, die nicht sich selbst, sondern den Komponisten und seine jeweiligen Dichter ins Licht stellen. Indem sie ihnen selbst bei einem Zyklus wie den von Johannes R. Becher angeregten und gedichteten „Neuen Deutschen Volksliedern“, wo alle stimmlichen wie pianistischen Anforderungen von Eisler vorsätzlich auf Mittelschulniveau heruntergedimmt werden (die DDR-Nationalhymne, die es auch in einer hier mitaufgenommenen Solofassung gibt, darf man getrost ebenfalls dazu zählen), ihre Würde lassen, beweisen sie umso mehr ihre eigene Integrität als selbstbewusst dienende Vermittler.

Hanns Eisler: Lieder Vol. 1–4. Holger Falk, Steffen Schleiermacher. MDG Scene 613 2001-2; 613 2040-2; 613 2084-2; MDG 613 2126-2 (Naxos)

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