Feuilleton
Zeitung für Deutschland

Nur keine Angst vor dem Musterstaat

Eine Oase der Sicherheit, des Fortschritts und des Wohlstands: Warum wird Singapur im Westen trotz vieler positiver Seiten so negativ betrachtet?
Von Marco Stahlhut, Singapur
Nicht kleckern, klotzen: Der Stadtstaat Singapur versteht sich auch aufs Feiern, wie bei diesem Silvesterfeuerwerk. dpa

Es ist verblüffend, wie häufig in der Brexit-Debatte Singapur als Schreckgespenst an die Wand gemalt worden ist. Ob nun der Filmstar Hugh Grant verkündete, er wolle nicht, dass seine Kinder „in einem Singapur an der Themse aufwachsen“, Bundeskanzlerin Merkel vor einem „Singapur vor der Haustür der EU“ warnte oder der britische „Spectator“ nach den Unterhauswahlen wusste: „Wir steuern auf einen Brexit à la Singapur zu.“

Sofern mit „Singapur“ mehr als „ein Land mit niedrigen Steuersätzen für internationale Unternehmen“ gemeint sein soll – und dann könnte man ja auch einfach „Irland“ sagen –, kann Entwarnung gegeben werden: Nur in seinen kühnsten Träumen könnte Großbritannien ein neues Singapur werden. Was die Sorgen von Grant um seinen Nachwuchs betrifft: Der südostasiatische Stadtstaat rangiert nicht nur regelmäßig auf Platz eins oder zwei der jährlichen Pisa-Studien, er wird auch immer wieder an die Spitze der lebenswertesten Städte Asiens gewählt. Anders als in London stechen in Singapur nicht alle paar Tage jugendliche Drogendealer Altersgenossen zu Tode. Und selbst von erfolgreichen Terroranschlägen hat man seit Jahrzehnten nichts mehr gehört.

Nicht zuletzt folgt Singapur viel zu sehr der Vernunft und dem Rat von Experten, als dass es wahrscheinlich wäre, es würde wie die Briten einen Markt mit 500 Millionen Menschen vor der eigenen Haustür verlassen wollen. Der Stadtstaat gehörte 1967 zu den Gründungsmitgliedern von Asean, dem südostasiatischen, lockergestrickten Pendant zur EU. Singapur ist darüber hinaus der vielleicht einzige Nationalstaat der Welt, dessen Unabhängigkeit gegen seinen Willen erfolgte: 1965 wurde das Land aus Malaysia geworfen, weil es der gesetzlichen Privilegierung von ethnischen Malaien gegenüber Chinesen und Indern nicht folgen mochte. Bei der Bekanntgabe der Unabhängigkeit im Radio musste Lee Kuan Yew, der erste, legendäre Premier Singapurs, minutenlang weinen.

Die Rede von Großbritannien als neuem Singapur hat eine spezifisch geschmacklose Komponente, denn das Königreich hat den Stadtstaat gleich zweimal in der jüngeren Geschichte spektakulär im Stich gelassen. Einmal als Kolonialmacht während des Zweiten Weltkriegs, als die Briten Singapur den Japanern überlassen mussten, ganz im Gegensatz zum mehrheitlich von Weißen bewohnten Australien, zu dessen Schutz sorgfältige Pläne entwickelt worden waren. Diese unterschiedliche Wertschätzung ist in Singapur bis heute nicht vergessen. Die Japaner richteten während ihrer Besatzungszeit grauenvolle Massaker an der chinesischstämmigen Bevölkerung an.

Zum zweiten Mal ließ Großbritannien den Stadtstaat 1968 im Stich, als dessen Überleben noch keineswegs gesichert war. In jener Stunde der Not kündigte das Vereinigte Königreich an, seine Militärpräsenz in Singapur innerhalb von drei Jahren vollständig aufzugeben. Damit versetzte es der jungen Nation gleich zwei Schläge auf einmal: zum einen ihrer nationalen Sicherheit, zum anderen ihrer Wirtschaft. Die britischen Militärbasen hatten bis dahin für annähernd zwanzig Prozent des Singapurer Bruttosozialprodukts gesorgt und jeden zehnten Bewohner des Stadtstaats beschäftigt.

Und doch hat Singapur das alles nicht nur überlebt, es hat triumphiert. Der kleinen rohstoffarmen Insel vor Malaysia ist in nur einer Generation der Sprung von der Dritten Welt in die Erste gelungen. Beim Bruttosozialprodukt pro Kopf steht Singapur heute knapp vor den Vereinigten Staaten, weit vor Deutschland und Großbritannien. Und wer den Stadtstaat besucht, mag dazu neigen, ihn als Kategorie für sich zu betrachten. Der öffentliche Nahverkehr ist besser organisiert als irgendwo sonst. Von „Stau“ sprechen seine Bewohner, wo anderswo höchstens von zähflüssigem Verkehr die Rede wäre. Und obwohl Singapur ebenso klein wie dichtbesiedelt ist – fast sechs Millionen Menschen leben auf 720 Quadratkilometern, was flächenmäßig deutlich kleiner als Berlin und nur etwa halb so groß wie London ist –, zeigt sich die Metropole als ausgesprochen grün mit reicher Biodiversität.

Die geringe Fläche des Stadtstaats hat forciert, dass bereits heute ein bedeutender Teil seiner Infrastruktur unterirdisch angesiedelt ist. Inzwischen bestehen Planungen, noch einen radikalen Schritt weiterzugehen und den Güter- und Personentransport, Industrieanlagen und Warenlager möglichst vollständig in den Untergrund zu verlegen. Das dadurch frei werdende Land soll für Apartments, Büros, Grünflächen, Kinderspielplätze und Sportanlagen genutzt werden. Erst vor wenigen Tagen wurden von der zuständigen Behörde die ersten Detailpläne für einzelne Stadtbezirke vorgelegt.

Falls auch dieser Megaplan gelingt, dürfte die „Erste Welt“ mit ihrer bröckelnden Infrastruktur als etwas erscheinen, was Singapur weit hinter sich gelassen hat. Um die Heldin des als Buch und Film erfolgreichen Kassenschlagers „Crazy Rich Asians“ zu zitieren, nachdem sie zum ersten Mal im Stadtstaat gelandet ist: Verglichen damit habe New Yorks JFK-Flughafen „nur Salmonellen und Verzweiflung“ zu bieten. Das Besondere an Singapur sei nicht, dass es den Rat von Experten einhole, so der australische Urbanist Stephen Hamnett. Sondern vielmehr, dass es den Rat der Experten dann auch umsetze. Würde sich Großbritannien an diese Maxime halten, wäre es zum Referendum über ein Verlassen der EU gar nicht erst nicht gekommen.

Kritiker werden einwenden, dass der Stadtstaat keine lupenreine Demokratie sei. Die Tatsache, dass die PAP, die People’s Action Party, von 1966 bis heute ununterbrochen die Regierung stellt, scheint dafür ein unfehlbares Indiz. Auch diagnostizieren Kritiker Defizite bei der Meinungsfreiheit. Beide Vorwürfe sind klar begründet – und doch sind die durch sie aufgeworfenen Fragen komplizierter, als man meinen möchte. So sind Fälle von Machtmissbrauch gegen die Opposition zwar eindeutig belegt, vieles deutet aber darauf hin, dass die PAP nicht wegen schmutziger Tricks, sondern wegen der einzigartigen Erfolgsgeschichte des Stadtstaats immer wieder an die Macht gewählt wird.

Was die Meinungsfreiheit angeht, so ist sie tatsächlich kontrolliert, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit existieren, jedenfalls im westlichen Sinne, gar nicht. Wahr ist allerdings auch, dass die Hauptumgangssprache Singapurs Englisch ist und ausländische Medien- und Diskussionsseiten im Internet nicht blockiert werden. Folglich können die Bürger Kritik am eigenen Land ohne größere Probleme nachverfolgen.

Gerade wenn man zugesteht, dass Singapur keine lupenreine Demokratie ist, stellt der beispiellose Erfolg des Landes die herkömmliche These in Frage, dass möglichst viel Demokratie auf lange Sicht immer ein Vorteil sei, unabhängig vom Niveau der Rechtsstaatlichkeit. Das gilt insbesondere im Vergleich mit den Nachbarn Malaysia, Indonesien, Thailand, Kambodscha, Vietnam, die Philippinen, Laos oder Burma – sie alle haben seit 1945 eine blutige Geschichte hinter sich, voller Korruption, mit Militärputschen, Bürgerkriegen, Diktaturen jeder Art, politischen Morden, Massakern und Genoziden. Singapur ist demgegenüber eine Oase der Sicherheit, des Fortschritts und des Wohlstands.

Kritiker des Singapurer Modells argumentieren häufig, es handele sich bei ihm um eine Art „Deal“: So sei zwar die sozio-ökonomische Entwicklung des Stadtstaats beeindruckend, sie werde jedoch mit den benannten Defiziten bei Demokratie und bürgerlichen Freiheiten bezahlt. So plausibel eine solche Argumentation auch scheinen mag, durch einen Blick auf Südostasien insgesamt wird sie nicht gestützt. Nicht nur gibt es keinen grundlegenden Aspekt – ob nun der Lebensstandard der Bevölkerung, ihr Ausbildungsniveau oder die medizinische Versorgung –, in dem irgendein Nachbarstaat Singapur übertreffen würde. Es gibt auch kein einziges südostasiatisches Land, in dem alle Bürger mehr Rechtsstaatlichkeit genießen würden als in Singapur oder in dem jemals länger als wenige Jahre größere Meinungsfreiheit, Demokratie und Gewaltfreiheit gleichzeitig geherrscht hätten als im Stadtstaat.

Wenn das alles kein Plädoyer für eine Übertragung des Singapurer Modells auf andere Länder sein soll, dann vor allem deswegen, weil man nicht wüsste, wie das zu machen wäre. Es gibt verschiedene Erklärungen für den Ausnahmefall Singapur, aber keine, die das Gesamtphänomen als übertragbar erscheinen ließen. Nur ein zentrales Beispiel: Überall auf der Welt gehen Defizite bei Demokratie und Meinungsfreiheit gewöhnlich mit einem Anstieg an Korruption einher. Singapur dagegen steht auf

der „Transparency International“-Liste 2018 auf Platz drei der am wenigsten von Korruption betroffenen Länder: direkt hinter Dänemark und Neuseeland. Großbritannien und Deutschland teilen sich Platz elf, Frankreich und die Vereinigten Staaten folgen auf den Plätzen 21 und 22.

Die größte Gefahr für Singapur scheint derzeit, dass es zum Opfer seines eigenen Erfolges wird: von innen, weil seine Einwohner immer wohlhabender, gebildeter und damit auch anspruchsvoller werden, und von außen, weil gerade die relative Offenheit Singapurs, seine wachsende Kulturszene, seine auf internationalem Niveau mitspielenden Universitäten, seine Anschlussfähigkeit an internationale Diskussionen den Kleinstaat zum Ziel von Kritik machen, wie sie anderen südostasiatischen Ländern nicht zugemutet wird.

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