Feuilleton
Zeitung für Deutschland

Literatur

Eine Schatztruhe für die Götter

Historische und andere Gegenstände großer Kunst: Ronald M. Schernikaus „Legende“ ist wieder da
Von Dietmar Dath

Das erste Mal erschien dieser außergewöhnliche Roman 1999, finanziert durch Subskription. Das geschah acht Jahre nach dem Tod seines Verfassers, des homosexuellen Dichters und Kommunisten Ronald M. Schernikau, der an den Folgen von Aids gestorben war. Nachdem das Buch einen Teil seines Publikums gefunden hatte, war es vergriffen. So kam ein Hörensagen auf, das die Vorstellung verbreitete, der umfangreiche Text handelte vom Besuch wichtiger Gottheiten auf einer Insel, die nicht von einem Gewässer, sondern einem Land umgeben sei. Die Insel, wurde dies gedeutet, wäre West-Berlin, das Land die Deutsche Demokratische Republik, in die der Verfasser kurz vor seinem und ihrem Tod eingewandert war.

Große Gegenstände also, die im Roman „Legende“ aber nicht groß-, sondern kleingeschrieben werden. Der Dramatiker Peter Hacks, Lehrer und Freund Schernikaus, tadelte ihn für diese Kleinschreibung in einem Brief vom 10. Oktober 1988 mit den Worten: „Das Weglassen der Großbuchstaben ist Selbstbetrug. Man täuscht sich eine Eleganz vor, von der man fürchtet, dass man ihrer ermangele.“

Schernikau hat von dieser Lehre wie von anderen des bewunderten Älteren nicht durch Fügsamkeit profitiert, sondern indem er danach, bei der Arbeit an „Legende“, deutlicher machte, warum er so schrieb, wie er schrieb: Die Kleinschreibung ist bei ihm kein Mittel, sich interessant zu machen, sondern ein Instrument, das den unaufmerksamen Blick irritieren soll, der jeden Satz nach einerseits großgeschriebenen Hauptwörtern, die für seine Gegenstände gehalten werden, und andererseits kleingeschriebenem Beiwerk ohne Mühe sortieren will – man soll sich fragen: Was sind denn hier wirklich die Gegenstände, was deren nähere Bestimmungen, was die Handlungen, was deren Voraussetzungen und Folgen?

Das Hörensagen meint seit 1999, Gegenstände von „Legende“ wären die DDR und West-Berlin, deutsche Weltbesonderheiten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, geschildert aus Kommunistensicht. Es gibt nicht viele deutsche Bücher aus der Zeit nach 1989, die diese Gegenstände aus Kommunistensicht schildern, und obwohl die Nachfrage danach in den letzten zwanzig Jahren nicht überwältigend groß war, ist sie doch bis heute entschieden größer als das Angebot, was nach kapitalistischen Marktgesetzen dazu führte, dass „Legende“ zu ungeheuerlichen Preisen verkauft wurde, wenn man es überhaupt bekam.

Der Berliner Verbrecher Verlag hat dem Rarissimum, damit diese Wucherpraxis aufhört, jetzt die ihm gemäße editorische Schatztruhe zur würdigen Aufbewahrung und Weitergabe besorgt. Wer das Buch, wie der Rezensent, zu kennen meinte und es liebt, darf hier erfahren, dass Kennerschaft erst jetzt möglich geworden ist und die Liebe nur wachsen kann beim Staunen über die in der Neuausgabe verwirklichte Sorgfalt der Texteinrichtung, beim Lernen von den Anmerkungen, die noch den entlegensten Verweis des Dichters bis in sein dunkelstes Versteck jagen und zur Strecke bringen (Welches Wort aus welchem Schlager von Peter Alexander hat Schernikau zu welchem Zweck durch welches andere ersetzt?), und beim Studium des Nachworts des Literaturforschers und Politikwissenschaftlers Lucas Mielke. Das Hörensagen ist zu berichtigen: „Legende“ handelt nicht von irgendwas mit Westen, Berlin und DDR aus Kommunistensicht, der Einsatz, mit dem Schernikau sein faszinierendes Spiel spielte, war viel höher.

Die Straßenbahn ist mehr als nur ein irdisches Fahrzeug

Den Untergang der DDR, dessen Gründe und Ursachen und Umstände, hatte er ja auch anderswo und vor „legende“ bereits untersucht, zum Beispiel in seinem Prosaband „die tage in l. – darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“, erschienen im Kollapsjahr 1989. Was da nackt steht, lässt den Stil, in dem herkömmliche Wirtschafts- und Politikpublizistik politische Planungsfehler in ökonomischen Belangen diskutiert, wie frivoles Geplapper wirken: „ein ddrbetrieb schließt einen vertrag mit einer westfirma, weil die einen kommunistischen betriebsrat hat. Leider geht die firma dann pleite.“ Und noch kälter, noch wahrhaftiger: „die ddr produziert, weil sie neu sind, quarzuhren mit digitalanzeige, die eroberung des weltmarkts. als sie sie fertig hat, kosten die dinger im westen noch zehn dm. ein verlust.“

So viel dazu; in „Legende“ aber geht’s nicht um Sozialökonomie, sondern eben um Gottheiten, die ins Irdische hinabsteigen, um sich auf eigentümlich wirkungsvolle Weise eigentlich gar nicht einzumischen – so: „die götter in der straßenbahn / du kannst auf so einer insel ja ewig rumfahren, sehr verblüffend. du fährst und fährst und fährst mit dem flughafendoppelstockbus, der schönste mann der welt bevölkert die straßen und irgendwie kommt die insel nicht, auf der du dich befindest. wenn die götter rufen, kommen die menschen auch sofort gelaufen. in den filmen erscheinen die götter und in den büchern, die reklame für sie ist im radio und auf den plakaten. allerdings sind die götter unsichtbar. / deshalb sind die götter umgestiegen. dies ist, sagt fifi und lässt sich erschöpft auf einen der plastiksitze fallen, mindestens die fünfhundertste grüne straßenbahn, die wir auf der suche nach den menschen benutzen.“

Der Roman untersucht aus der Nähe vier solcher Gottheiten und außerdem viele Menschen, von der Schlagersängerin über den Schokoladenfabrikanten bis zur Krankenschwester. Die vier Gottheiten heißen fifi, kafau, stino und tete. Sie waren, sagt das Hörensagen, weil der Roman das nahelegt, einst als Menschen vier historische Gestalten: die Publizistin und Terroristin Ulrike Meinhof, die Schauspielerin Therese Giehse, der KPD-Politiker Max Reimann und der Schriftsteller Klaus Mann. Das Hörensagen stimmt indes nicht ganz: Schernikaus Götter „sind“ nicht einfach Nachlebensgestalten dieser Menschen, sondern spielen deren Erinnerungen, wie ein Theaterensemble nicht nur einen Stücktext, sondern auch Ideale spielt, wo das Theater funktioniert, wie Aristoteles, Shakespeare, Goethe, Schiller und Hacks sich das dachten.

Das sprechende Detail und die Totale der literarischen Form

Schernikau persönlich wiederum ist als Verfasser der „Legende“ so etwas wie ein um seine eigene moralische Achse gedrehter Schöpfergott; denn während Goethe sagt: „Eigentlich ist es nur des Menschen, gerecht zu sein und Gerechtigkeit zu üben, denn die Götter lassen alle gewähren: Ihre Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte“, ist Schernikau bewusst mal gerecht, mal ungerecht zu den Urbildern seiner Schöpfungen, denen mit Geld und denen ohne, denen mit Geist oder Schönheit und denen ohne. Das aber erfasst man nur, wenn man so genau liest, wie die Verbrecher-Edition gearbeitet ist, und damit Kleinigkeiten bemerkt wie den Umstand, dass in der zitierten Stelle über die Götter in der Straßenbahn ein Blick aus dem Fahrzeug erkennt: „der schönste mann der welt bevölkert die straßen“, dass also ein Typus zwar in der Einzahl wahrgenommen, aber als Träger eines nur Kollektiven möglichen Tuns begriffen wird („bevölkern“ kann keiner allein irgendwas). Die schöne Schrift ist konsequent bis in die Eigennamen: Jemand heißt „fank“ und nicht „Frank“ oder „berbel“ und nicht „Bärbel“, damit man am scheinbaren Schreibfehler hängenbleibt und sich dabei erinnert: Richtig, ein Menschenname ist etwas Eigen-Einziges, man soll ihn nicht flüchtig lesen, kein Mensch ist selbstverständlich. Aus Details dieser Güte gebaut, will das Werk als Exempel der großen Form wie nur je ein klassischer Roman oder Drama Gesellschaft als Totalität künstlerisch gestalten. Damit ist auch gerechtfertigt, was Hacks nicht gern gesehen haben kann, nämlich die romanfremden Formelemente in diesem Roman. Hacks sah auf Gattungsgerechtigkeit; ein Drama sollte so wenig adaptierter Film sein wie ein Bericht aus dem Leben eine Erzählung.

In „Legende“ aber ist die kraftvolle Unruhe, mit der Lyrisches, Dramatisches, halbe Musicals, ein Epos zwischen zwei Zeilen, eine Dokumentensammlung, ein Zitat oder eine Witzparade vorkommen, die völlig kunstgemäße Widerspiegelung der Wahrheit, dass „Totalität“ im Geschichtlichen wie Gesellschaftlichen als wechselseitige Durchdringung heterogener Einzelmomente realisiert ist: Die Politik, Teil des Sozialen, kann die Wissenschaft oder die Kunst, zwei andere Teile, politisch behandeln, wie die Wissenschaft umgekehrt Kunst und Politik wissenschaftlich behandeln mag oder die Kunst sowohl Politik wie Wissenschaft künstlerisch. Drama, Epos, Lyrik, Dokument, alle werden sie bei Schernikau zum Roman, in einem so starken Sinn, dass das Romanmuster weniger befolgt als vielmehr neu geprägt wird. Von Balzac bis António Lobo Antunes nur eine Handvoll Texte in der Literaturhistorie, denen man das bescheinigen kann. Damit, vor allem anderen, wäre das Hörensagen über „Legende“ entscheidend zu ergänzen: Ja, das ist tatsächlich ein Roman über die deutschen Weltbesonderheiten der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus Kommunistensicht und damit zweifelsohne selten, aber zugleich ist „Legende“ etwas noch viel Selteneres und Wertvolleres: ein tiefes, klares Geschichtsbild aus Sicht der Dichtung.

Ronald M. Schernikau: „Legende“. Verbrecher Verlag, Berlin 2019. 1072 S., geb., 58,– € .

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