Seit rund zehn Jahren beobachtet die Geschlechtermedizinerin Renate Försterling in ihrer Berliner Praxis eine sonderbare Entwicklung: Immer mehr Kinder und Jugendliche, besonders Mädchen, kommen zu ihr, um ihr Geschlecht angleichen zu lassen; aber nur die wenigsten können genau sagen, warum sie das eigentlich wollen. Zuvor hatten die Patienten ganz unterschiedliche und oft lange Leidensgeschichten. Sie waren verschieden alt und wollten die Geschlechtsanpassung möglichst unauffällig vollziehen. Jetzt hatte Försterling mit Jugendlichen zu tun, denen die Idee eher spontan gekommen war, die auffallen wollten und sich ausgefallene Fantasienamen wünschten. Ein Mädchen wollte so sein wie der Typ, den sie am Wochenende gesehen und irgendwie toll gefunden hatte. Eltern machten sich Sorgen, weil ihre Tochter gern mit blauem Spielzeug spielte. Das könne doch wohl kein Mädchen sein. Försterling, die selbst das Geschlecht gewechselt hat, weil sie den Leidensdruck nicht mehr aushielt, reagierte zurückhaltend und hinterfragte die Motivationen. Damit machte sie sich unbeliebt bei Patienten und Kollegen, die fleißiger als sie das Attest für die Konversionstherapie unterschrieben.