Politik
Zeitung für Deutschland

Briefe an die Herausgeber

Der Mittekurs der Kanzlerin – ein Erfolgsrezept?Zu „Gralshüter“ von Reiner Burger (F.A.Z. vom 13. Juni): Armin Laschet wird in Ihrem Artikel mit den Worten zitiert: Er warne seine Parteifreundin Annegret Kramp-Karrenbauer eindringlich davor, angesichts schwacher Wahlergebnisse und schlechter Umfragewerte den Mittekurs der Kanzlerin aufzugeben. Dieser sei ein Erfolgsrezept ihrer Kanzlerschaft gewesen. Dieser Einschätzung kann ich nicht folgen. Welcher Mittekurs ist gemeint? Etwa durch die Ehe für alle? Die CDU steht heute links von der Mitte. Durch Angela Merkels Politik ist ein großer Teil des konservativen Lagers zu anderen Parteien abgewandert – die CDU hatte noch nie so schlechte Umfragewerte wie jetzt. Ein Erfolgsrezept? Ohne die europäischen Nachbarn zu konsultieren, geschweige denn das eigene Parlament, hat Angela Merkel Tausende Migranten ins Land geholt – in vielen Fällen ohne deren Identität zu kennen. Ein Erfolgsrezept? Auch der abrupte Atomausstieg war ein Alleingang – mit der Folge enormer, sinnloser Kosten. Ein Erfolgsrezept? Der katastrophale Zustand der Bundeswehr geht auch darauf zurück, dass Merkel die Entlassung von Herrn Jung nicht verhindert, stattdessen Herrn zu Guttenberg als Verteidigungsminister geholt hat, mit der Maßgabe, die Bundeswehr zu verkleinern und die Wehrpflicht abzuschaffen. Die Bundeswehr ist heute nicht mehr in der Lage, den notwendigen Eigenanteil zur Verteidigung des eigenen Landes zu leisten. Ein Erfolgsrezept? Schließlich die Klimapolitik: Schon heute kann man vorhersagen, dass durch zu schnelles Abschalten der Atomkraftwerke und den zu schnellen Ausstieg aus der Kohle Deutschland die höchsten Energiekosten haben wird und wahrscheinlich demnächst schon Atomstrom von den Nachbarn kaufen muss, um die Grundlast zu erfüllen. Ein Erfolgsrezept? Christian Schwarck, Rossdorf

Beschädigung der modernen GesellschaftZum Artikel „Jüdisches Museum“ (F.A.Z. vom 17. Juni): Die Eskalation des Streits um die Aktivitäten des Deutschen Jüdischen Museums und die Demission von Professor Dr. Schäfer sind beschämend und empörend. Dass die politische Führung des Landes der breit angelegten Kampagne gegen das JMB/Schäfer inklusiv der Intervention von Benjamin Netanjahu willfährig nachgab, beschädigt mit Blick auf Moral, Selbstrespekt, Würde und den Anspruch einer modernen offenen Gesellschaft das Ansehen Deutschlands – innen wie außen. Ganz zu schweigen von dem Verlust der kompetenten Leitung des Museums. Beim JMB handelt es sich um eine öffentliche – nichtreligiöse – Einrichtung im wissenschaftlichen – nicht politischen – Raum, dessen Leitung dem Kompetentesten und nicht dem Frommsten gebührt. Das Museum soll unter einer solchen Führung aufklären – und keine Meinung machen. Professor Dr. Schäfer stand genau für diese Haltung, auch wenn er sich leider gelegentlich hat zügeln (lassen) müssen. Was spricht eigentlich dagegen, einen iranischen Kulturattaché als Vertreter des 3000 Jahre alten persischen Kulturvolks, das einmal das jüdische Volk aus Babylonischer Gefangenschaft in die Freiheit entlassen hat, durch das JMB zu führen oder auch ein zugegebenermaßen nicht unabhängiges iranisches Staatsfernsehen über die Jerusalem-Ausstellung berichten zu lassen? Eine nachgebende Haltung gegenüber der von interessierten Kreisen beabsichtigten Verwischung beziehungsweise Verschiebung der Grenzen zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus erstickt nicht nur den öffentlichen politischen Diskurs, was nur zu noch mehr Antisemitismus führt, sondern – wie jetzt am DJM zu sehen – sogar die institutionelle, wissenschaftliche Betrachtung der jüdischen Kultur in einem Museum. Das Verfahren in dieser Sache ist ja leider nicht Unglück und Ausnahme, sondern es steht in einer Reihe ähnlicher „Vorfälle“, jüngst etwa mit dem BDS-Beschluss des Bundestages. Sieht man denn nicht, dass dadurch ausschließlich verurteilenswerte antisemitische Tendenzen Nahrung und Argumente frei Haus geliefert bekommen? Nicht nur die Sicherheit Israels ist Staatsräson, sondern auch die Verteidigung einer freien Wissenschaft sowie der aufgeklärten, toleranten und offenen Gesellschaft. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde. Können wir es uns nicht leisten, auch auf die Gefahr von Kritik und Verdienstausfall, Rückgrat zu zeigen beim Verteidigen unserer in Sonntagsreden so beschworenen westlichen Grundwerte? Das Agieren beziehungsweise Nichtagieren ist beschämend und einer deutschen politischen Führung unwürdig. Lutz Uphoff, Minden

Anonym bleibende MitwirkendeEs war überfällig, dass Sie die Plattform VroniPlag Wiki, die schon diverse Personen des öffentlichen Lebens zu Fall gebracht hat, einmal genauer unter die Lupe nehmen („Die Kammerjäger der Wissenschaft“, F.A.Z. vom 19. Juni). Meine Skepsis gegen diesen offensichtlich freiwilligen Zusammenschluss sogenannter Plagiatsjäger hat sich damit aber nicht gelegt. Es bleiben zwei wesentliche Fragen für mich unbeantwortet: Zum einen bleibt weiterhin unklar, was tatsächlich das Ziel dieser Recherchearbeiten ist. Wissenschaftliches Fehlverhalten aufzudecken mag sicherlich ein Motiv sein. Aber sie verweisen gleichzeitig auf „unterschiedliche Motivationen“. Angesichts der möglichen gravierenden Konsequenzen, die beispielsweise ranghohe Politiker zu tragen haben und schon tragen mussten, ist es nicht nachvollziehbar, dass die in der Regel anonym bleibenden Mitwirkenden dieser Plattform hier nicht offen ihre Absichten kommunizieren. Zum Zweiten ist weiterhin die Frage unbeantwortet, nach welchen Kriterien VroniPlag die zu untersuchenden Doktorarbeiten auswählt. Ich bleibe weiterhin skeptisch gegenüber dieser Vereinigung, die sich hinter einer teilweisen Anonymität versteckt, sich nicht offen in die Karten schauen lässt und die Öffentlichkeit nicht klar und deutlich über ihre Regeln und Statuten informiert – wenn es denn solche gibt. Erschreckend ist für mich, dass ihr die Medien dennoch immer wieder höchste Aufmerksamkeit zuteil werden lassen und sie damit eine ungeheure Macht ausüben können. Karl Schleef, Haste

Erotik der DenunziationWas an dem Artikel „Die Kammerjäger der Wissenschaft“ von Jochen Zenthöfer über die Plagiatsplattform VroniPlag Wiki (F.A.Z. vom 19. Juni) auffällt, ist, dass die Kriterien, die zur Untersuchung der angeblich über 200 Arbeiten geführt haben, nicht bekanntgemacht werden. Der reinen Lehre dient das alles sicher nicht. Sonst würden sich die Macher dieser Plattformen für jeden Fachbereich qua Zufallsprinzip eine bestimmte Anzahl von Arbeiten aus den letzten 10 Jahren diverser Hochschulen nehmen und diese so akribisch prüfen, wie sie das bei den Dissertationen von Politikern getan haben. Damit wäre dann der Nachweis erbracht, wie es um die Qualität der Dissertationen generell bestellt war, und würde auch die bisher veröffentlichten Arbeiten in das „richtige Licht“ rücken. Da das unterbleibt, bleibt der Verdacht, dass die anlasslose Überprüfung wissenschaftlicher Arbeiten Prominenter offensichtlich einer eigenen Erotik der Denunziation unterliegt. Alexander Möller, Berlin

Drei StreichholzschachtelnZum Text „Atomenergie gehört auf die Agenda der Energiepolitik“ über den Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) zur Bedeutung der Kernenergie für die Klimapolitik (F.A.Z. vom 29. Mai): Sie erklären den deutschen Atomausstieg mit dem Hinweis, die Technik gelte als nicht sicher genug, auch gäbe es keine Lager für den Abfall. Das mag für die politisch Verantwortlichen gelten, denen es naturgemäß schwerfallen wird zuzugeben, dass der Atomausstieg ein großer Fehler ist. Mit den Fakten ist diese Sicht aber immer weniger vereinbar. Die für die Effekte radioaktiver Strahlung zuständige UN-Organisation, UNSCEAR, hat bisher jedenfalls nicht einmal für den Unfall von Tschernobyl 1986 einen Anstieg der Krebsraten in der betroffenen Bevölkerung feststellen können. Ebenso wenig wird für den Unfall von Fukushima ein Anstieg der Krebsraten erwartet. Die zusätzlichen Strahlendosen, denen die allgemeine Bevölkerung ausgesetzt war, sind schlicht zu gering, um zu einem messbaren Anstieg der Krebsrate zu führen. Auch wird der Nutzen der 160 000 Umsiedlungen nach Fukushima mittlerweile wissenschaftlich bestritten. Die mit den Umsiedlungen verbundenen Belastungen für die Bevölkerung werden höher eingeschätzt als der Gewinn aus der Verminderung eines sowieso schon sehr geringen und möglicherweise nicht existenten Strahlenrisikos. Was die Frage des Abfalls angeht, hilft es vielleicht, sich Folgendes vor Augen zu halten: Die gesamte Energie, die ein Mitteleuropäer im Verlauf eines 80 Jahre währenden Lebens verbraucht, würde mit Kernenergie in zwei bis drei Streichholzschachteln passen. Entsprechend gering wäre auch die strahlende Abfallmenge, die für einige hundert Jahre getrennt von der Biosphäre gelagert werden muss. Wenn es noch kein Endlager für diese Abfälle gibt, dann vor allem deshalb nicht, weil die Mengen so extrem gering sind, dass man sie noch für viele Jahrzehnte problemlos oberirdisch in Zwischenlagern sammeln kann. Christoph Barthe, Hamburg

8 ;

Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnent geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.

Die komplette digitale Ausgabe der F.A.Z.

14 Tage kostenfrei testen