Politik
Zeitung für Deutschland

Das Ding mit dem Osten

1989. In das Trauma der Doppeldiktatur krachte das Trauma der Verunsicherung. Verstörung, Abwehr, Gefühlsmüdigkeit, Desillusion machten sich breit. Nach vorn hin wurde saniert und saniert, inwendig blieb das Ganze ohne Boden. Ein Resümee im Jahr 2019.
Von Ines Geipel
Neo Rauch: Runde, 2003, Öl auf Papier, Privatsammlung © courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin und Zwirner, New York/London; VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Sich noch einmal auf diese sehr deutsche Wand zubewegen mit dem Risiko, dass kein Durchkommen ist. Noch einmal fragen, was los ist im Osten. Was machen die da? Warum sind die Kriegsenkel heute dort die Kernwähler der AfD? „Werde Bürgerrechtler!“, „Hol dir dein Land zurück!“, „Vollende die Wende!“ steht auf den Wahlplakaten der AfD, wenn man in diesen Tagen durch Brandenburg fährt. Die Bilder werden immer schiefer. Doch je schiefer, peinlicher, blöder, umso rasanter klettern die Umfragewerte der Rechten. Der Daueralarm verfängt und hinterlässt spürbar Panik im politischen Raum.

Wo sind wir? Was verrutscht da, was entzündet sich und warum? Wieso ich ausgerechnet jetzt an Hartmut Radebold denken muss, an diesen leisen, genauen Mann, Jahrgang 1935, in seinem azurblauen Mohairpulli. Radebold, der Nestor der Kriegskinderforschung und damit Spezialist für vaterlose Kindheiten im Zweiten Weltkrieg. Als ich ihn das letzte Mal sah, saß er auf einem Podium und sprach kaum hörbar, aber vor sehr vollem Saal von seinem „Kummer“. Radebold ist Psychiater und Psychoanalytiker. Es ist davon auszugehen, dass sein öffentlicher Schmerz mehr sein wollte als etwas Persönliches. Als hätte er seinen Zuhörern noch einmal Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“ auf die Knie gelegt. Trauern als gesellschaftliches Bewältigungsmodell.

Die Kriegskinder des Ostens, die Jungaktivisten als die klassischen Aufbauer und damit die, die „am engsten mit dem Auf und Ab der DDR-Entwicklung verbunden waren. Sie machten in und mit der DDR Karriere“, schreiben die Soziologen Annegret Schüle, Thomas Ahbe und Rainer Gries. Aber was heißt das? Es sind Hitlers Kinder. Die, die durch ihn sozialisiert wurden, geprägt durch Hurra und HJ und zwischen Ruinen groß geworden, mit toten, abwesenden oder orientierungslosen Eltern, mit unglaubwürdigen Lehrern und einer angstbesetzten Zukunft. Vaterlos Hungrige, die sich im postfaschistischen Osten neu aufladen ließen von der Idee eines besseren Deutschlands. Die in ihren Blauhemden an die neuen Orte zogen, auf die Großbaustellen, in die Parteischulen und Pionierpaläste. Die viel von Aufbruch träumten, von Gemeinschaft, Essen und Sicherheit und dabei straff eingenäht wurden ins Amnesieprogramm des ostdeutschen Neustarts. Ein Diktat, bei dem die Kommunisten die Bevölkerung über den Nationalsozialismus schweigen ließen, wie sie die aus dem Moskauer Exil Zurückgekehrten zum Parteischweigen über den Stalin-Terror im fernen Bruderland verpflichteten. Ein klammheimlicher Pakt, der Entlastung bot und die Basis war für die kommenden Säuberungen.

Die West-Gesellschaft des direkten Nachkriegs, die sich manisch schönputzte, die schier märchengleich Kohle machte und sich in ihrer Unfähigkeit zu trauern verpuppte. Die postfaschistische DDR der fünfziger Jahre dagegen wurde zur Synthese zwischen eingekapseltem Hitler und neuer Stalin-Diktatur, planiert durch einen roten Antifaschismus, der einzig eine Heldensorte zuließ: den deutschen Kommunisten als Überwinder Hitlers. Mit dieser instrumentellen Vergessenspolitik wurde im selben Atemzug der Holocaust für 40 Jahre in den Ost-Eisschrank geschoben. Er kam öffentlich nicht vor.

Eine entgeisterte Zeit, eine Angstzeit, mit viel Jubel nach außen und einer staatlich verordneten Unmöglichkeit zu trauern nach innen. Wer sich dem Binnenklima des Ostens nähern will, seinem bis ins Mark internalisierten Opferstatus, seinen Schmerzlinien, seinen Echoräumen des Schweigens, seiner emotionalen Schizophrenie, seiner hart trainierten Kultur der Camouflage, muss in die Zeit der ersten Übernahme zurück, zu dieser kalkulierten Geschichtsdrehung. In die Zeit der Formierung, des Schleifens, des Ausgesetztseins, der Kollektivunterwerfung unter Zwang.

Die Kriegskinder des Ostens, heute um die 80, haben Hitler und Stalin in den Knochen. Sie waren drin in der Mühle, in dieser Gefühlscodierung, mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Als 1989 die Mauer fiel, waren sie um die 50 und im besten Karrierealter. Vielfach wurden sie ausgetauscht, verloren ihre Arbeit, standen unter Schock, waren orientierungslos. Dieser Zeitbruch muss sie an ihre eigenen Eltern erinnert haben, an die Jahre nach dem Kriegsende. Es muss sich schrecklich angefühlt haben. Doch für diese Erfahrungswucht hatten die Kriegskinder des Ostens keine Sprache, nicht für sich, nicht für ihre Gefühle, nicht für die Zeit, in der sie nun leben sollten. Das hatten sie nicht gelernt. Sigmund Freud war seit 1948 im Osten verfemt und durfte erst Mitte der Achtziger wieder erscheinen. Denn der neue Mensch sollte nicht nur ein Mensch ohne Leiden sein, das Regime brauchte ihn als beliebig formbar. Im Herbst 1989 war das repressionsgewöhnte Kollektiv, in dem Hitlers Kinder inmitten des Schulddrucks der Doppeldiktatur überwintert hatten, wie über Nacht weg. Schluss, aus, Ende.

Ihre Kinder, die Babyboomer des Ostens, hatten den Eltern samt Vater Staat bereits im Sommer 1989, über die Tschechoslowakei und Ungarn, den Rücken gekehrt und waren in den Westen geflohen. Hunderttausende junge Menschen. Im aktuellen Streit darüber, wem die glücklichste Revolution aller Deutschen gehört, werden sie notorisch wegerzählt. Wieso eigentlich? Gab es nicht Tote? Hatten sie nicht genauso viel Angst wie die Demonstranten in Leipzig und Berlin? Setzten sie nicht auch ihr Leben ein, um endlich ein eigenes, freies Leben zu führen? Die Generation Mauer, die im großen deutschen Generationenwald als die „Glücklichen“ bezeichnet werden, weil sie die Revolution 1989 zum biographisch besten Zeitpunkt erlebt hatten. Heute fahren die Dagebliebenen gern SUV, haben Haus und Boot und sind die Basiswähler der AfD.

Die Kriegsenkel des Ostens als die einzige Generation, die im totalen Einschluss groß geworden ist. Die Kinder der Teilung, die Mauerkinder, die zwar keinen realen Krieg erlebt haben, aber zur Generation eines inneren Krieges wurden, in dem sich mehr als 50 Jahre Diktaturgeschichte, die Mauerparalyse der Eltern und damit auch viel private und strukturelle Gewalt austobten.

Warum ich das erzähle? Ich will auf die Sache mit der Trauer zurück und auf den Hass im Osten. Dabei ist der West-Mann mit dem Kummer nicht einfach nur ein Bild. Er könnte ein Schlüssel sein dafür, was im Ostdeutschland ungeklärt geblieben ist, vielleicht bleiben musste. Es war zu viel, zu viel an Geschichte, zu viel an Leid. 300 000 politische Häftlinge in den DDR-Zuchthäusern, 75 000 wegen Republikflucht Inhaftierte, Hunderte an der Mauer Erschossene, 4,6 Millionen, die zwischen 1945 und 1990 in die Bundesrepublik flohen, mehr als vier Millionen Vertriebene, die in Ostdeutschland strandeten, zwei Millionen, die der DDR-Zwangskollektivierung auf dem Land ausgesetzt waren, 120 000, die die NKWD-Speziallager überlebten, Zehntausende, die in die Sowjetunion verschleppt wurden, fast eine halbe Million, die in den DDR-Kinderheimen ohne Kindheit blieben und damit nicht genug. Die Zahlen allein sind eine Dimension. Aber die Schicksale dahinter sind nicht in unseren Köpfen, nicht wirklich in uns. Nicht im Osten, auch nicht im Westen.

1989 implodierte nicht nur die DDR, es kollidierten auch zwei gedächtnispolitische, kulturelle und emotionale Lebenshäute. Mit der einen hatte sich der Westen, nach Verleugnung und stark zeitverzögert, aber dann doch konsequent ab den siebziger Jahren für die Geschichte der Opfer geöffnet und den Holocaust zu seinem zentralen Identitätsbezug gemacht. Er wurde auch zum inneren Kern der Staatsräson des neu vereinten Deutschlands. Das war keineswegs so selbstverständlich, wie es im Moment der Einheit daherkam. Mehr als vierzig Jahre lang hatte sich die alte Bundesrepublik in mühsamsten Minischritten, über harsche Kontroversen, Skandale, Schaukämpfe, Dementis und geschichtspolitische Volten aus einer Tätergesellschaft zu einer kollektiven Politik der Erinnerung durchdebattiert, die das Gedenken an die jüdischen Opfer zu guter Letzt für unverbrüchlich erklärte.

In allen Folgedebatten nach 1990, und es waren nicht wenige – Spielbergs Film „Schindlers Liste“ 1993, die Wehrmachtsausstellung ab 1995, die Walser-Rede 1995 oder das späte Grass-Geständnis 2006 – war die Perspektive des Ostens nicht anwesend. Es gab sie nicht. Mittels Staatsdoktrin und falschem Buchenwald-Mythos hatten die Kommunisten die Ostdeutschen per se entlastet und die DDR zur reinen Opfergesellschaft gemacht. In der Erzählung der Mächtigen galt der Faschismus als ausgerottet, die Hauptkriegsverbrecher waren bestraft, die Institutionen entnazifiziert, das Kapital war vergesellschaftet, der Adel enteignet und die Restnazis waren unisono im Westen untergekrochen. Wiedergutmachungen, die Israel für seine Holocaust-Opfer beanspruchte, lehnte die DDR strikt ab und bezeichnete die Forderungen schon 1953 als „zügellose Hetze“.

Hier der Westen und sein zu Recht definitiver Leitanspruch: die nicht hintergehbare Opferfrage, dort die Opfer-Gesellschaft Ost, in der die Schuldfrage im Hinblick auf den Nationalsozialismus ungeklärt, unbesprochen, unbewältigt vor sich hinmoderte. Zwei politische Bewusstseinshäute, die unübersetzbar waren, nicht kompatibel. Wie sollte das auch gehen?

Nach anfänglichem Jubel und Einheitsstolz fand sich der Osten nach 1990 in einer Rollentrance wieder, in einem immateriellen Existentialneid, der womöglich stärker zu Buche schlug als alles, was mit Zahlen zu tun hatte und sich Treuhand, Geld, Rente, materielles Erbe nannte. Der Osten, der sich gegenüber dem Westen immer als die solidarischere Gesellschaft verstand, als Hort der Wärme, des Miteinanders, der unmittelbaren Hilfe, blendete in Wissenschaft, Bildung, in den Gedenkstätten und der Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht. Sein Mehrheitsbewusstsein tut das bis heute nicht, sondern geht ähnlich brutal mit den Opfern der zweiten deutschen Diktatur um. Wie ist das zu erklären?

Die Kriegskinder, die die DDR aufgebaut hatten und das Regime fortdauern ließen. Die sogenannten Integrierten, die Bürgerrechtler-Generation, die historisch alles richtig gemacht hatte, jedoch in großer Mehrheit die DDR unendlich weiterreformierte. Die Kriegsenkel, die als einzige Generation Schluss machen wollte mit dem Regime. Nicht mehr warten, nicht mehr reden. Aus und vorbei. Im Superwahljahr des Ostens stehen nun aber noch zwei andere Generationen an der Wahlurne, die aus Deutschland ein verändertes Land machen werden. Da sind zum einen die Einheitskinder, die Letztgeborenen, die Kriegsurenkel, die bereits reichlich zehn Jahre nach dem Mauerfall auf ihren Phantomschmerz im Hinblick auf das verschwundene Land DDR aufmerksam machten, vor allem auf das abrupte Ende ihrer Kindheit. Streckten sie in den Jahren des Umbruchs verstört ihre Hände aus, griffen sie ins Leere. Was erfuhr diese Generation tatsächlich von dem, was die Eltern und Großeltern in der DDR gelebt hatten? Wie organisierten sich die Einheitskinder den Zugang zu den Quellen, welche konkreten Informationen bekamen sie in den Schulen und in den Ost-Medien?

Was die Einheitskinder zwangsläufig in Bann hielt, war das laute Nichtgespräch, die anhaltende Störung zwischen den Generationen. Die gab es zwischen den Kriegskindern und Kriegsenkeln. Sie verlängerte sich im desolaten Diktaturnachraum aber auch in die Folgegenerationen hinein. Politische Standards existierten nicht, wurden nicht eingeführt und auch nicht eingefordert. Opfer? Täter? Eine Frage der Perspektive und scheinbar beliebig. Eine glaubwürdige Aufarbeitung der DDR-Verbrechen fand nicht Eingang ins öffentliche Bewusstsein. Historische Wahrheit perlte an der inneren DDR ab wie Fett an einer Teflonschicht. Wie ging so Klärung? Wer setzte die Leitplanken?

Einen Halt fanden die Urenkel Hitlers, heute längst über vierzig, vornehmlich in den eigenen Kindheitsbildern, die beruhigter, stabiler und abrufbarer waren als all das, was nach 1989 auf sie einstürzte. Man hatte sie in die Zukunft gehoben. Was sie hielt, existierte vorerst nur im Alten. Eine Generation in between. Ist das die Ursache dafür, warum in ihr die weggebrochene DDR rasch zum Märchenland wird und die frappanten Fehlstellen der Ost-Erzählung gern ausgelassen werden?

Das Ding mit dem Osten. Es ist vertrackt. Mit den Ost-Millennials, die im vereinten Deutschland aufwuchsen und heute zwischen 18 und 30 sind, tritt heute und gegen alle Prognosen eine Generation mit dem Selbstverständnis an: „Wir fühlen uns als Ostdeutsche.“ Sie sind fit, wach, gut ausgebildet und in der Welt unterwegs. Drei von vier wollen in den Osten zurück. Es geht um eine hochemotional ausgetragene Verteidigung der Herkunft und um die unendliche Geschichte von der Identität. Sie wissen, dass der Osten ein politisches Experimentierfeld ist, aber auch eines für die eigene Biographie. Eine Generation, für die das Ost-Idiom eine leere Hülle ist, die nur darauf wartet, neu gefüllt zu werden, und die gleichzeitig Sehnsucht danach hat, den historischen Belastungen ihrer Herkunft zu entkommen. Verständlich? Allemal.

Die Kriegskinder, die heute unversöhnlicher denn je die DDR verteidigen und neidvoll auf die Möglichkeiten der Jüngeren schauen. Die Kriegsenkel, die so viel vorhatten, aber oft die Schatten des alten Jahrhunderts nicht loswurden. Die Einheitskinder, die nach 1989 unbedingt die 68er des Ostens geben sollten, aber überidentifiziert mit den Eltern in die Pittiplatsch-Version verfielen. Die Ost-Millennials, die laut Studien Politdebatten mit den Älteren meiden, da sie toxisches Gelände sind. Was für die einen das ganze Leben, kann für die anderen problemlos Spiel oder auch Geschäftsmodell sein. Der Osten trudelt, auch zwischen dem Neid an Möglichkeiten und dem Neid an Geschichte. Eine glückliche Revolution ist auch biographisch eine Rarität.

Die Sache mit den Familien, den Generationenspannungen, den Loyalitäten. Geburten, Heiraten und Scheidungen fielen im Osten nach 1989 für Jahre auf historische Tiefstände. Ab Mitte der Neunziger erholte sich die Familie und wurde zum Stabilisator, zur Orientierungsinstanz, zum Bollwerk und intimen Magneten gegen die große Verunsicherung. Aber was wurde aus den Schweigezonen des Privaten? Was aus den implodierten Identitäten der Eltern und Großeltern? Was aus der Identitätsnot derer, die nun ohne DDR aufwuchsen? Wie haben sich symbolische Grenzen und über Jahrzehnte unveränderte Denkfolien im ostdeutschen Binnenraum nach 30 Jahren neu austariert? Haben sie es überhaupt?

Ich muss an den Mann im blauen Mohairpulli denken und an seinen Schlüsselschmerz. Ab 1989 gab es keine staatlich angeordnete Unmöglichkeit zu trauern mehr. Aber Gründe zu trauern hatte der Osten genug. Er tat es nicht, konnte es vielleicht nicht. Die Zeit war nackt, ruppig, unverstanden. Referenzsysteme, in denen man hätte miteinander sprechen können, gab es nicht. Sie existieren auch heute nicht. „Es war nicht das Gestern, das feige kapitulierte und beseitigt ist, sondern Menschen taten das, die weiterleben und nun dem neuen Geist die gleiche Aufgabe stellen, die der alte nicht bezwungen hat“, schrieb Robert Musil in seiner Novelle „Vereinigungen“.

Verwerfungen, Verleugnungen, Unerlöstes. In das Trauma der Doppeldiktatur krachte das Trauma der Verunsicherung. Verstörung, Abwehr, Gefühlsmüdigkeit, Desillusion machten sich breit. Nach vorn hin wurde saniert und saniert, inwendig blieb das Ganze ohne Boden. Es waren die Ostdeutschen, die das Erbe ihrer Diktatur durch Entlastungserzählungen klein hielten und sie zum „großen Volkstheater“, „Indianerspiel“ oder „Gartenzwergland“ machten. Ein Klischee klebte am anderen. Irgendwann waren die Scherze verbraucht, nur fühlte sich das neue Leben immer noch nicht besser an.

Im Flüchtlingssommer 2015 wurde der Dauerdiminutiv fast über Nacht zum großen Nein, die Ostdeutschen mutierten zu „Wendeverlierern“, „Abgehängten“, „Bürgern 2. Klasse“, das trotz völlig anderer Realität. Denn auch für sie war die Einheit eine riesige Erfolgsgeschichte. Noch am 30. Oktober 1989 hatte Gerhard Schürer, der Vorsitzende der staatlichen Plankommission, in einer geheimen Wirtschaftsanalyse der DDR den Staatsbankrott erklärt. Die Inlandsverschuldung lag bei 123 Milliarden Mark, gegenüber 12 Milliarden im Jahre 1970. Die Arbeitsproduktivität erreichte nicht zuletzt wegen zerschlissener Anlagen und fehlender Automatisierung nur 40 Prozent gegenüber der in der Bundesrepublik. Die Auslandsverschuldung war 1989 auf 49 Milliarden gestiegen. 1970 hatte sie noch zwei Milliarden betragen. Dasselbe galt für den Verschleißgrad des Staates, was Totalausfall bedeutete. In der Industrie lag er bei 53 Prozent, bei den Gebäuden bei 67 Prozent, in der Landwirtschaft bei 61 Prozent. Das Land war marode und pleite zugleich.

Nach dem Herbst 1989 verlangten die Ostdeutschen die rasche D-Mark. Sie bekamen sie. Die Ostdeutschen wollten die Einheit. Sie kam schneller, als viele westdeutsche Politiker sich nicht erhofft hatten. Und dann? Folgten harte Jahre der Transformation. Die Nullerjahre. Neben äußerem Aufbau, Neukonsolidierung und Bauboom waren das laut Statistik für die Postdiktatur Ost vor allem Jahre drastisch steigender Gewalt, zunehmender Kinderarmut, einer dreifach höheren Zahl innerfamiliärer Tötungsdelikte als im Westen oder dem um vier Jahre früher liegenden Drogeneinstiegsalter bei Jugendlichen. Die Seelenkosten der Diktatur wogen bei weitem schwerer als alles Monetäre.

Heute beurteilen 81 Prozent der Menschen in Sachsen ihre wirtschaftliche Situation als sehr gut bis eher gut. 88 Prozent derer, die in Thüringen auf dem Dorf wohnen, sagen von sich, sie seien sehr oder eher zufrieden. Dort, wo die Arbeitslosigkeit besonders stark gesunken ist, wie etwa in Sachsen, ist der Zuwachs der Rechten am größten. Man nennt es das Sachsen-Paradox. Brandenburg hat sein Brandenburg-Paradox, Thüringen das Thüringen-Paradox. Es gibt Stimmen, die von einer Pervertierung der Wahrheit und einem geschichtsbedingten Blackout sprechen. Als fiele die Realität einfach ins Loch. In Osteuropa wird über den ostdeutschen Blackout nur noch der Kopf geschüttelt. Georgien, Rumänien, Ukraine. Was hätte man dort darum gegeben, so viel manifeste Unterstützung wie Ostdeutschland erhalten zu haben, um endlich die eigenen Oligarchien und die Korruption abzuschütteln?

Diktaturen sind Verantwortungsentlastungen. Ihre affektive Verleugnungsvalenz auf den Weg in die Demokratie zu bringen ist nichts anderes als Identitätsarbeit. Wie steht es damit? Gedächtnis, Erinnerung und Identität gehören wie selbstverständlich zum Generalbass der vereinten Republik. Über den Erfahrungsgrund der westdeutschen Kriegskinder schrieb der Psychoanalytiker Werner Bohleber, dass „diese im Schatten der Lebenslüge ihrer sich als Opfer definierenden Eltern aufwuchsen. Das Schweigen über die eigene Beteiligung und die Lücken in den Familienbiografien erzeugten ein nebelhaftes und teilweise verzerrtes Realitätsgefühl.“ Die Schatten, der Nebel, das verzerrte Realitätsgefühl. Im Juli gab es in Berlin anlässlich der Buchpremiere des wegen Totschlags verurteilten letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz eine 30 Meter lange Schlange, um von ihm ein Autogramm zu erhaschen. Ausgerechnet am 9. Oktober will sich der letzte SED-Chef Gregor Gysi in der Leipziger Peterskirche öffentlich zur Zeit äußern. Dabei war es vor allem die politische Verantwortungslosigkeit der Linken, die die AfD im Osten vorbereitet und groß gemacht hat. Sie spielte den Kümmerer und blockierte den Ostdeutschen den Weg in die Demokratie.

Deshalb hat es seine Logik, dass Gregor Gysi in den neuen Ländern durch Alexander Gauland abgelöst wurde. Was im Osten politisch ungeklärt geblieben ist, hat Unterschlupf bei der AfD gefunden. Sie ist das gedächtnispolitische Desaster des Landes. Je mehr sie sich radikalisiert, umso mehr wird sie zur Ostpartei. Das wird ihr zunehmend zum Problem, führt aber nicht an der Tatsache vorbei, dass Pampern, Verharmlosen, Wegmoderieren oder Geld sich im Hinblick auf die Diktaturlast des Ostens klar als Fehlstrategie erwiesen haben. Keine Partei hat bislang ein Programm oder eine Idee entwickelt, wie der Destruktionslust des Ostens zu begegnen ist. Für 40 Jahre Seelenkosten gibt es kein Konzept. Es schien nicht wichtig genug, also hat man es laufen lassen.

Mit dem gezielten Rollback in das alte mentale Binnenregime des Ostens hat die AfD – auch wegen des ungelösten Generationenstreits – leichtes Spiel, sich ein neues Kollektiv zu formen. Höcke, Weidel, Gauland, Kalbitz, von Storch. Es sind Politiker aus dem Westen. Sie brauchen nur ordentlich Druck zu machen. Als ob das, was die inneren Schauplätze bestimmt, neu beatmet würde. Biographische Dispositionen, eingefräste Identitätsmuster, neues Schweigen sind im Osten der Boden für die politische Regression. Es wird purer, ärger, härter. „Sei dabei, wenn Geschichte gemacht wird!“, appelliert die AfD. Das Gefühl der herbeigeredeten Niederlage wird strategisch zur Revolution umerzählt und 1989 zum Trigger. Es ist der Versuch einer Übernahme.

Ist die AfD überhaupt derart wichtig? Ist sie nicht erinnerungspolitisch vor allem das zeitgenössische Gesicht unseres frivolen Umgangs mit Geschichte? Leisten wir uns Ostdeutschland nicht als Projektionsraum, um die fragwürdige Gedächtnisarchitektur des vereinten Landes in Sachen Diktaturerbe auszublenden? Das Ding mit dem Osten. So kriegen wir es nicht hin. Aber ginge nicht wenigstens das? Eine deutsch-deutsche Neuerzählung als Konfrontation: Was ist geklärt? Was trägt? Was bleibt Konsens in diesem Land? Was sagen das neuaufgelegte Spaltungssyndrom und die schiefe Identitätspolitik über die untergrabene Revolution und uns? Wie wollen wir es miteinander halten? Zugleich braucht der Osten endlich echte Aufmerksamkeit, und das über seine Landtagswahlen hinaus.

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Die Verfasserin ist Schriftstellerin. Im Frühjahr erschien ihr Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart.

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