Rhein-Main-Zeitung
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Eine fast perfekte Kreislaufwirtschaft

Im Osthafen entsteht aus Bioabfällen Kompost und „grünes“ Gas fürs Netz. Alles wäre gut, gäbe es nicht die angeblich kompostierbaren Plastiktüten.
Rohstofflager: Im Osthafen entsteht aus Bioabfällen aus Frankfurt und dem Kreis Offenbach Kompost und Biogas. Lucas Bäuml

Es ist nicht der Ort, an dem man an einem heißen Sommertag sein möchte: Die Biokompostanlage im Osthafen. Was Wärme mit Essensresten und Rasenschnitt macht, wissen alle Nutzer von Biotonnen: Die Materialien beginnen, sich zu zersetzen. Gerüche werden freigesetzt. Es ist, als ob die Stoffe in der Tonne anfingen, zu leben: Es gärt, mitunter krabbelt sogar etwas in den braunen Biotonnen, die in Frankfurt 1998 eingeführt wurden. In der Kompostanlage sieht es nicht anders aus: Rund 40 Grad zeigt das Thermometer in der Halle, in die die Lastwagen den Inhalt der Biotonnen kippen. Es herrscht hohe Luftfeuchtigkeit. Beißender Geruch nimmt dem Besucher den Atem.

Für Peter Dumin, Betriebsleiter der Rhein-Main-Biokompostanlage, ist das nicht nur Arbeitsalltag, er ist begeistert von den natürlichen Prozessen, die er mit der Technik in seiner Anlage unterstützt. „Wir machen alles wie in der Natur, nur wir beschleunigen es etwas.“ Vor allem ist Dumin überzeugt, etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Dank der Anlage könnten zigtausend Tonnen CO2 eingespart werden.

„Hier wird die Klimabilanz entlastet“, sagt Dumin, der seit dem ersten Tag der vor 20 Jahren eröffneten Bioabfallbehandlungsanlage für den Gesamtbetrieb verantwortlich ist. All denjenigen, die es nicht einsehen, zwischen Haus- und Biomüll ordentlich zu trennen, würde er am liebsten zurufen: Sortiert! „Es ist um jedes Kilogramm Biomüll schade, das in der Müllverbrennungsanlage landet.“

Denn die Biokompostanlage, in die seit dem Januar 2015 auch die Inhalte der Biotonnen der 13 Kommunen aus dem Kreis Offenbach geliefert werden, produziert gleich mehrere Dinge: Kompost, ein wenig Strom und Wärme sowie Biogas, das aufbereitet in das Erdgasnetz eingespeist wird. „Das ist eine gelungene Kreislaufwirtschaft“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen). Gestern besuchte sie den Osthafen, um sich gemeinsam mit der Ersten Beigeordneten des Kreises Offenbach, Claudia Jäger (CDU), dieses „Paradebeispiel interkommunaler Zusammenarbeit“ anzuschauen. Schließlich hatte der Kreis Offenbach, um die bundesweit geltenden gesetzlichen Vorgaben einzuhalten, zum 1. Januar 2015 flächendeckend die Biotonne eingeführt. Der Kreis suchte per europaweiter Ausschreibung nach einem geeigneten Partner und fand ihn mit der Rhein-Main Biokompost GmbH, einem Tochterunternehmen der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES).

Natürlich habe die Entfernung eine Rolle gespielt, sagt Jäger, man habe kurze Wege gewollt. Der Kreis hatte zudem darauf bestanden, dass, so wie es in Frankfurt passiert, vieles vergoren werden soll, um aus dem Müll mehr als nur Kompost zu gewinnen. „Wir freuen uns natürlich, dass wir über den dank unserer Bioabfälle entstandenen Kompost Frankfurt und seinen Boden nähren“, sagte Jäger schmunzelnd. Doch am Ende wollten sie und ihr Kreis, dass Energie ins Netz eingespeist wird.

Rund 50 000 Tonnen Bioabfälle werden im Jahr an der Peter-Behrens-Straße im Osthafen verarbeitet. Jeweils zur Hälfte stammt das Material aus Frankfurt und aus dem Kreis Offenbach. Ein Viertel der Abfälle, insbesondere der Grünschnitt, wird direkt unter Zuführung von Sauerstoff kompostiert. Wie Dumin berichtet, zerfällt beispielsweise ein Tannenbaum in einer sogenannten Rotte innerhalb von 12 Tagen zu Kompost, also bestem Humus, der den Boden mit seinen Nährstoffen bereichert und Lebensraum für Pflanzen, Insekten und Würmer schafft.

Dreiviertel der Abfälle wandern unter Zugabe von Brauchwasser in einen der beiden Fermentierer, sie werden über einen Zeitraum von drei Wochen vergoren. Dabei entsteht Biogas und ein schlammiges Material, das anschließend kompostiert wird. Soweit funktioniert der Kreislauf. Wären da nicht die vielen Plastiktüten, in die Bürger ihre Essensreste füllen und dann in die Biotonne werfen. Zwar versucht man in der Anlage, die dann zerkleinerten Plastiktütenreste aus dem künftigen Kompost herauszublasen. „Aber alles bekommen wir nicht raus“, sagt Dumin.

Heilig ruft die Verbraucher deshalb dazu auf, auch nicht die „vermeintlich kompostierbaren Plastiktüten“ zu benutzen. Denn sie seien eben nicht kompostierbar. „Bitte verwendet Papiertüten und alte Zeitungen“, sagt Heilig. Sie will auf Bundesebene darauf drängen, dass man diese Tüten vom Markt nimmt. Versuche, mit den Handelsunternehmen Kontakt aufzunehmen, seien bisher gescheitert. „Die reagieren nicht“, so Heilig. Die abschließend noch betont, dass auch Staubsaugerbeutel und Straßenkehricht nicht in den Biomüll gehören. mch.

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