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„Vom DFB kommt gar nichts“

Der Kieler Klimaforscher Professor Mojib Latif hält die Bemühungen der Verbände, Umweltbelastungen zu reduzieren, für unzureichend und sieht ein Ende des Wintersports.
„Aus der Zeit gefallen“: Wintersport in Städten, hier der Langlauf-Weltcup in Dresden, steht wegen des hohen Stromverbrauchs für die Schneekanonen in der Kritik. dpa

Herr Latif, Sie sind einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Ist die Welt noch zu retten? Ja, natürlich, noch ist nichts verloren. Der Klimawandel ist innerhalb gewisser Grenzen aufzuhalten.

Was bedeutet das genau? Beim derzeitigen Stand der internationalen Klimaverhandlungen müssen wir davon ausgehen, dass sich die Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mindestens drei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen wird. Bisher ist es 1 Grad. Wenn wir die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad begrenzen wollen, wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart, dann müssten von jetzt an die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen zwischen sieben und acht Prozent sinken – und zwar jährlich. Ansonsten kann es dramatisch werden. Wetterextreme werden zunehmen. Die Meeresspiegel steigen, Menschen werden ihre Heimat verlieren, Inseln verschwinden. Ich glaube, dass diese Botschaft inzwischen bei allen angekommen ist.

Da muss ich widersprechen. Gian Franco Kasper , der Präsident des Internationalen Skiverbandes, bestreitet, dass es den Klimawandel gebe. Es gibt immer einen kleinen Prozentsatz jener, die allem widersprechen – so wie Donald Trump, der sagt das ja auch. Aber das ändert nichts an den Tatsachen, es macht vielmehr noch einmal deutlich, wie dringend notwendig es ist, dass alle, aber auch wirklich alle sich mit dem beschäftigen, was ein ungebremster Klimawandel bedeutet. Die Lebensbedingungen auf der Erde würden sich erheblich verschlechtern.

Welche Rolle spielt da der Sport? Eine durchaus ambivalente. Auf der einen Seite zählt er zu den Verursachern, Sportveranstaltungen sind immer auch mit dem Ausstoß von Treibhausgasen verbunden. Fußballfans fahren mit ihren Autos zu den Stadien, und Fußballspiele sind Massenveranstaltungen, die jede Menge Energie verbrauchen und Müll verursachen. Dann wird der Sport immer globaler, andere Kontinente sind mit dem Flugzeug erreichbar – das ist ein Segen für die Sichtbarkeit und die Einnahmen, aber es ist ein Graus für das Klima.

Klimaforscher und Meeresmeteorologe: Professor Mojib Latif arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. dpa

Und die Sportler? Sie sind Sünder, wenn sie um die Welt jetten, und Leidtragende zugleich. Es ist nicht mehr angenehm, draußen Sport zu betreiben, wenn es immer heißer wird. Wintersportler haben immer größere Probleme, ideale Schneebedingungen zu finden, Tennisspieler, beispielsweise bei den Australian Open, gefährden bei Temperaturen über 40 Grad ihre Gesundheit. Australien ist ganz besonders vom Klimawandel betroffen, es ist zum Teil nicht nur furchtbar heiß dort, es wird auch immer trockener. Es stellt sich deshalb eine grundsätzliche Frage, nämlich jene, ob wir – vor allem bezogen auf das Klima – noch jede Sportart werden betreiben oder uns leisten können.

Woran denken Sie da? Die Formel 1 zum Beispiel, sie wirkt auf mich wie einer der größten Widersprüche unserer Zeit. Der Zirkus fliegt jedes Jahr um die Welt, hat mehrere Tonnen Fracht im Flieger oder auf den Frachtschiffen – und das alles nur, um ein Wochenende lang im Kreis zu fahren. Bezogen auf die Umweltbilanz ist das nicht nachzuvollziehen, aber auch ansonsten ist das Bild, das dort abgegeben wird, ein fatales: Immer schneller, noch mehr PS, immer weiter, das ist ein Ideal, das in Zeiten des Klimawandels vollkommen kontraproduktiv ist.

Die Formel-1-Teams verweisen darauf, dass es inzwischen Hybridantriebe gebe und im Rennsport Erkenntnisse gewonnen werden, die auch die Serienproduktion auf die Mobilität der Zukunft vorbereiten. Das erscheint mir doch als vorgeschobenes Argument und könnte in meinen Augen höchstens für die Formel E gelten, wo Elektroautos eingesetzt werden.

Ist denn der Wintersport noch zeitgemäß?Ich finde es sehr bedenklich, dass in Regionen, die nicht mehr schneesicher sind, inzwischen Schneekanonen dafür sorgen, dass es eine Piste gibt. Diese Schneekanonen verbrauchen unfassbar viel Energie. Und selbst wenn der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, so muss man sich doch fragen, ob er woanders nicht sinnvoller eingesetzt wäre. Das gilt im Übrigen auch für Skirennen in den Städten. Erst gab es eines in Düsseldorf, nun in Dresden. Oder Biathlon im Schalker Fußballstadion – das alles erscheint mir völlig aus der Zeit gefallen.

Im Jahr 2050 werden sich vermutlich auch in den Alpen die natürlichen Bedingungen für den Wintersport deutlich verschlechtern, selbst für den Kunstschnee könnte es dann mancherorts zu warm sein. Was bedeutet das?Orte, die wir seit Jahrzehnten kennen, bekommen ein vollkommen anderes Gesicht. Jeder, der oft in den Bergen unterwegs ist, wird das selbst wahrgenommen haben. Schon jetzt müssen Mittelgebirge einen enormen Aufwand betreiben, um Pisten zu präparieren – und die Erderwärmung geht weiter, also wird sich auch die Schneegrenze immer weiter nach oben verschieben. Und selbst die Gletscher ziehen sich immer weiter zurück. Viele Wintersportgebiete müssen sich jetzt überlegen, womit sie eigentlich künftig Geld verdienen wollen. Wintersport, Wintersporttourismus wird eine immer geringere Rolle spielen.

An wann denken Sie da? 2040 wird das schon sehr kritisch sein.

Sie meinen Orte wie Garmisch-Partenkirchen oder Kitzbühel? Ja, ganz genau. Man kann die Gebirgsregion ja auch anders und vor allem nachhaltiger nutzen. Ich bin immer erschrocken, wenn ich im Sommer in diesen Gebieten unterwegs bin und erlebe, wie es da eigentlich aussieht. Diese Schneisen, der Kahlschlag, der gemacht worden ist, um Platz für die Pisten zu schaffen. Es ist bedenklich, mit wie viel Umweltzerstörung das verbunden ist.

Haben Sie eine Idee, wie sich der ökologische Fußabdruck des Skisports verbessern ließe? Das Beste sind Naturpisten oder Naturschanzen – und dann natürlich auch Naturschnee. Man sollte nicht die Umwelt zerstören, um Sport treiben zu können.

Das klingt nach einer Utopie. Die TV-Sender wollen, dass gelaufen oder gesprungen wird, wenn sie senden. Diesen Kommerz, der bei vielen Sportarten dahintersteckt, kann man bei dieser Gelegenheit gleich mit überdenken: 2014 ein Fußball-WM-Stadion im Amazonas; die Fußball-WM 2022 in klimatisierten Stadien in Qatar, weil es ansonsten viel zu heiß wäre; 2024 Surf-Wettkämpfe in Tahiti, obwohl die Olympischen Spiele ins 15 000 Kilometer entfernte Paris vergeben worden sind – ich habe nicht den Eindruck, dass irgendeiner der großen Sportverbände ans Klima oder an Nachhaltigkeit denkt.

Dabei sind das IOC und auch die Fifa zusammen mit anderen Sportorganisationen und dem UN-Klimasekretariat Teil der Kampagne: „Gemeinsam können wir den Unterschied machen“. Es geht nicht nur um Kampagnen, sondern um Taten. Als Klimaforscher beschäftige ich mich wirklich ausgiebig mit diesem Thema, habe diese Verbände in meiner Arbeit aber noch nicht wahrgenommen. Das gilt im Übrigen auch für den DFB, da kommt gar nichts.

Die Bonner Klimaberatung CO2OL hat ausgerechnet, dass jeder Bundesliga-Spieltag 7800 Tonnen CO2 verbraucht. Um das zu kompensieren müssten etwa 60 000 Bäume gepflanzt werden. Ja, das wäre ein guter erster Schritt.

Der FSV Mainz 05 hat beispielsweise Solarzellen auf seinem Stadiondach und wirbt mit dem Slogan „erster klimaneutraler Bundesliga-Verein“. Ist denn so etwas überhaupt möglich? Na ja, es ist immer die Frage, wie man das definiert. Dafür müssten auch alle Reisen kompensiert werden. Aber gerade Stadien könnten Vorbilder für technische Innovationen sein: Erdwärme, kleine Windräder, Solardächer, erneuerbares Erdgas – Stadien könnten ein Modell sein für eine kleine Nachhaltigkeitsstadt. Der Weg dahin aber ist noch sehr weit.

Einzelne Sportler reagieren immerhin. Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton ernährt sich seit einiger Zeit vegan, macht zudem immer wieder auf den Klimawandel aufmerksam. Wie wichtig sind globale Sportstars wie er, um ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen? Das war schon immer etwas, das ich mir gewünscht habe. Sportstars wie er haben eine enorme Reichweite, sie können Dinge ansprechen, für Probleme sensibilisieren und eine Veränderung anstoßen. Ihre Aussagen haben eine enorme Wirkung in der Öffentlichkeit. Nur schade, dass Lewis Hamilton Formel 1 fährt. Viele Schauspieler weisen schon seit Jahren auf die Klimaproblematik hin, Leonardo DiCaprio beispielsweise. Der Sport aber blieb in dieser Hinsicht immer sehr weit zurück.

Welche Sportarten sind denn gut für das Klima? All jene, die allein mit der Kraft eigener Muskeln ausgeübt werden können. Laufen, springen, werfen – damit haben die Olympischen Spiele ja einst auch begonnen. Aber bei allem, wo am Ende die Technik und nicht der Mensch gewinnt, verliert meistens auch das Klima.

Das Gespräch führte Michael Wittershagen.

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