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Montag, 07.01.2019
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Investoren belohnen Anpassungsfähigkeit von Navvis

Das Start-up-Unternehmen für Gebäudenavigation erhält frisches Kapital von 31 Millionen Euro

kön. MÜNCHEN, 6. Januar. Das sechs Jahre alte Start-up-Unternehmen Navvis ist dem Kleinklein entwachsen: Internationale Expansion, neue Produkte und Herausforderungen in einem schärfer werdenden Wettbewerb zwingen den Anbieter von Gebäudenavigationssystemen, in größeren Dimensionen zu denken. In einer dritten Finanzierungsrunde tritt das 2013 gegründete Münchner Start-up mit dem gerade erfolgten Mittelzufluss von 31,5 Millionen Euro in eine neue Phase der unternehmerischen Reife ein. In seinen ersten beiden Runden hat Navvis mit einer dreidimensionalen Visualisierung gerade einmal neun Millionen Euro eingesammelt. Die reichten für den Aufbau in den ersten fünf Jahren.

„Wir erleben einen enormen Nachfrageanstieg nach unserer mittlerweile etablierten und bewährten Plattform“, sagt Felix Reinshagen, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von Navvis. Und: „Wir befinden uns in der Wachstumsphase, in der vermehrt der Umsatz, vor allem aber die Skalierung des Geschäftsmodells im Mittelpunkt steht.“ Die neuen Mittel sollen verwendet werden, um eine Basis für das internationale Wachstum aufzubauen, nachdem vor zwei Jahren bereits eine Dependance in New York und soeben im November 2018 eine Niederlassung in Schanghai eröffnet worden ist.

Es geht aber auch darum, die Produktentwicklung zu beschleunigen. Und da bekommt das Geschäftsmodell eine neue Ausrichtung. „Ziel ist es, die Navvis-Plattform zu einem Fundament im Ökosystem rund um digitale Gebäudezwillinge zu entwickeln“, kündigt Reinshagen an. Der Informatiker und Volkswirt hat Navvis 2013 mit seinem Kompagnon Georg Schroth und den Partnern Sebastian Hilsenbeck sowie Robert Huitl gegründet. Navvis beschäftigt heute schon 170 Mitarbeiter.

Bisher konzentrierten sie sich bei der Realisierung ihrer Idee auf die Navigation in Gebäuden, wie sie draußen für Autofahrer, Wanderer, Kapitäne oder Piloten Alltag sind, um mit Hilfe des Global Positioning Systems (GPS) an ihre Ziele zu gelangen. GPS funktioniert jedoch meist nicht in Gebäuden. Also entwickelten Reinshagen und Co. einen Trolley, der mit Kameras und Scannern ausgestattet die Innenräume von Museen, Flughäfen, Messen, Möbelhäuser, Supermärkten oder Fabrikhallen erfasst und misst. Eine Plattform digitalisiert die Daten, um sie virtuell zu verarbeiten. So ist der Flughafen München genauso erfasst wie das Deutsche Museum in München. Wichtiger werden als Geschäft die Innenansichten der Konzerne Daimler, VW, BMW, Audi, Siemens, Bosch, Allianz, Deutsche Telekom oder Huawei und Lenovo aus China. Inzwischen hat Navvis mehr als 200 Unternehmen als Kunden in der Welt. Mehr als 60 Partner in 30 Ländern erfassen mit dem System Gebäude und Erstellen als Dienstleister digitale Zwillinge.

Mit den bislang gesammelten Erfahrungen erweitert das Start-up, das sich zu einem der Vorbilder für die deutsche Gründerszene entwickelt hat, sein Geschäftsmodell. „Die großen deutschen Automobilhersteller, die als erste Anwender fungierten, haben den Weg für unsere Digital-Twin-Technologie geebnet“, sagt Reinshagen. So könnten die Unternehmen ihre zukünftige Arbeitsweisen neuen Rahmenbedingungen anpassen und in notwendig gewordene neue Systeme transformieren. Das soll einen neuen Schub bringen. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz wird mehr als zuvor eine maßgebliche Rolle spielen, die eine effektive und schnelle Auswertung von Daten ermöglicht und weiterentwickelt.

Immer mehr Unternehmen setzen auf digitale Zwillinge als intelligente Gebäudelösungen, um Anlagen und Fertigungsprozesse durch die virtuelle Darstellung realer Räume zu überwachen beziehungsweise zu steuern, um zum Beispiel die Produktion in der Autoindustrie auf die E-Mobilität umzustellen. Es zeichnet sich ein beachtlicher Markt ab, auf den Navvis abzielt. Das Marktforschungsinstitut Gartner sagt voraus, dass die Hälfte der großen Industrieunternehmen bis 2021 derlei Systeme einsetzen würden. Das könnte die Effizienz um 10 Prozent steigern. Gartner schätzt das Marktpotential für die Anwendungen auf 16 Milliarden Dollar.

Von den Zukunftschancen scheinen auch die alten und neuen Geldgeber von Navvis überzeugt, die bislang insgesamt knapp 41 Millionen Euro investiert haben. Die Risikokapitalgeber (Venture Capital) MIG Fonds, die Bayerische Beteiligungsgesellschaft (Bay BG) sowie Digital + Partners haben sich an der dritten Finanzierungsrunde beteiligt. Neu in der Runde der Investoren ist der japanische Maschinenbauer und Ingenieurdienstleister Kozo Keikaku Engineering. Der hat sich allein mit neun Millionen Euro beteiligt, während etwa MIG 7,5 Millionen Euro investiert.

Mit ihrem gesteigerten Engagement honorieren sie das in ihren Augen aussichtsreiche Geschäftsmodell und die Agilität von Navvis mit der Anpassung an geänderte Gegebenheiten. Denn Navvis ist nicht der einzige Anbieter von Indoor-Navigationssystemen. Es gibt Konkurrenten in den Vereinigten Staaten oder mit Infsoft aus Ingolstadt auch in Deutschland, auch wenn die Technologien höchst unterschiedlich sein können. Doch die Herausforderung ist gewachsen, in einem solchen Umfeld sich anders zu positionieren und mit neuen Schwerpunkten abzusetzen. Reinshagen sieht zwar auch die veränderten Rahmenbedingungen. Wichtigster Grund für ihn aber ist die Kundennachfrage nach Lösungen für die Digitalisierung ihrer Prozesse. „Da ist ein breiterer Ansatz gefragt, der neben der Navigation auch die Kartierung, das Streaming und die Darstellung der Daten oder Suchfunktionen beinhaltet.“ Indoor-Navigation ist doch wesentlich komplexer geworden, als zunächst abzusehen gewesen ist.

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