Wirtschaft
Montag, 05.11.2018
Montag, 05.11.2018

Das sicherste Kernkraftwerk der Welt

Die Österreicher entschieden 1978, ihr einziges AKW stillzulegen – noch bevor es überhaupt in Betrieb gegangen war. Dennoch wird die Anlage in Zwentendorf genutzt: Sie erzeugt Solarstrom. Deutsche Unternehmen proben hier den Atomausstieg. Von Christian Geinitz

Alles da, aber nie genutzt: die Schaltzentrale in „Zwentendorf“

ZWENTENDORF, 4. November. Heute hat die Fleischerei Höchtl in Zwentendorf Geflügel im Angebot. „Hendl ohne Innereien“ für 4,95 Euro das Kilo, „Flügerl“ für 6,25 Euro. Seniorchefin Maria Höchtl steht noch mit 72 Jahren hinter der Theke und schneidet Schnitzel zurecht. „Vom Kalb natürlich, so gehört sich das.“ Schließlich liegt Wien, das der panierten Spezialität ihren Namen gab, nur eine Stunde flussabwärts. Es kämen viele Ausflügler den Donauradweg entlang, sagt die Frau in der weißen Kittelschürze, „auch von euch da oben“. An ein Paar aus Bremen erinnert sie sich besonders lebhaft. „Die hatten Angst, weil der Weg direkt am Atomkraftwerk vorbeiführt.“ Höchtl grinst. „Dabei war das doch nie in Betrieb!“ Tatsächlich steht der Betonklotz fix und fertig eingerichtet nur einen Steinwurf von der Donau entfernt. Sogar die Brennstäbe waren schon mit einem Hubschrauber eingeflogen worden, Hunderte Mitarbeiter warteten auf ihren Einsatz. Doch dann kam alles anders. Vor genau 40 Jahren, am 5. November 1978, entschieden die Österreicher mit knapper Mehrheit, dass Zwentendorf nicht ans Netz gehen durfte. Damit war nicht nur in Niederösterreich das Schicksal der Nuklearenergie besiegelt, sondern gleich im ganzen Land.

Bis heute gibt es keinen einzigen Atommeiler, der meiste Strom stammt aus Wasserkraft. Zeitgleich mit dem Kernreaktor wurde 1978 das Donaukraftwerk in Zwentendorf fertig, als Ersatz für das AKW kamen später ein Kohlekraftwerk und eine Müllverbrennungsanlage hinzu. „Das Referendum hat nichts daran geändert, dass wir zum Energiezentrum für Niederösterreich geworden sind“, sagt Bürgermeister Hermann Kühtreiber. „Und zwar aus ungefährlichen Quellen.“

Die Einstellung zur Atomkraft hat sich stark gewandelt in Zwentendorf, einer Gemeinde im Tullnerfeld westlich von Wien. Früher waren die 4000 Bewohner Feuer und Flamme für die neue Technik, weil sie Arbeitsplätze, Steuern, Modernität versprach. „Wir waren alle dafür, es herrschte Aufbruchsstimmung“, erinnert sich Maria Höchtl. Jeden Tag lieferte sie 400 Wurstbrötchen an die hungrigen Mitarbeiter im Kraftwerk. 300 bis 500 Portionen Fleisch gingen an die Kantine. Drei Vollzeitkräfte konnten Höchtl und ihr Mann einstellen, so stark war die Nachfrage. „Sogar unsere Kinder mussten Semmeln belegen.“ Als dann die Abstimmung kam, brach nicht nur für die Mitarbeiter im AKW eine Welt zusammen, sondern auch für viele Zwentendorfer. Der Familienbetrieb Höchtl büßte kräftig an Umsatz ein, die neuen Beschäftigten mussten gehen. „Erst nach und nach haben wir verstanden, dass die Atomkraft doch nicht so ungefährlich war, wie man uns erzählt hatte“, sagt sie. „Heute sind die meisten froh, wie es gekommen ist.“

Einblick: der Reaktor

Die Gelassenheit hat auch wirtschaftliche Gründe, denn insgesamt ist Zwentendorf weich gefallen. Die Kommune lebt heute vom Industriepark Pischelsdorf. Hier stehen eine Düngemittelfabrik, eine Bioethanol-Anlage und ein Weizenstärkewerk. Die längste Tradition hat das Unternehmen Donau Chemie, dessen Vorgänger im Ersten Weltkrieg Schießpulver produzierte. Später folgte eine Raffinerie, auf deren Gelände sich das Kohlekraftwerk und ein beliebter Golfplatz befinden.

Gäbe es heute wieder eine Abstimmung über die Atomkraft, wären die meisten Zwentendorfer dagegen, auch die alten, mutmaßt Bürgermeister Kühtreiber. Vor 40 Jahren indes hatten sich in der Gemeinde zwei Drittel dafür ausgesprochen. In ganz Österreich votierten 50,5 Prozent gegen „Zwentendorf“. Das hauchdünne, nicht vorhersehbare Ergebnis hing auch damit zusammen, dass die Fronten quer zu früheren Bekenntnissen verliefen. Die Errichtung des Kraftwerks hatte eine Regierung der konservativen Volkspartei ÖVP beschlossen. Begonnen wurde der Bau dann aber 1972 unter Bruno Kreisky von der sozialdemokratischen SPÖ. Die Anti-Atom-Bewegung bewog den Kanzler, das Volk zu befragen – nur wenige Monate, bevor der Reaktor ans Netz gehen sollte.

Um das Projekt zu retten, kettete Kreisky seine politische Zukunft an das Referendum. Falls es gegen „Zwentendorf“ ausging, wollte er zurücktreten. Daraufhin scharten sich auch solche Kreisky-Getreuen hinter der Sache, die ihr eigentlich skeptisch gegenüberstanden. Gleichzeitig positionierte sich die kernenergiefreundliche ÖVP gegen das Vorhaben, um den Kanzler zu stürzen. Doch trotz des Resultats blieb Kreisky im Amt. Er war nicht der erste Bundeskanzler, den sein Geschwätz von gestern nicht scherte.

Nach dem ersten Schock versuchten die Zwentendorfer und die AKW-Betreiber, so gut es ging, mit der neuen Situation zu leben. Die Anlage gehörte ursprünglich den Energieunternehmen des Bundes und der Länder. Heute ist der niederösterreichische Versorger EVN der alleinige Eigentümer. Bis weit in die achtziger Jahre hinein blieb eine Stammbesatzung von 200 Technikern im Werk, die darauf warteten, es eines Tages doch noch hochzufahren.

In der Schaltzentrale, die mit ihren Kontrollpulten, Wählscheibentelefonen und Röhrenmonitoren aussieht wie ein Technikmuseum, liegen bis heute die handschriftlichen Protokollbücher aus dieser Zeit aus. „Werkzeug und Schlüsselkasten übernommen“, steht in diesen Zeugnissen der Monotonie, oder: „Rundgang durchgeführt“. Die gut bezahlte Langeweile hatte ihren Preis. Insgesamt sind in Österreichs größte Industrieruine 14 Milliarden Schilling geflossen, etwa eine Milliarde Euro.

Nach dem endgültigen Aus diente „Zwentendorf“ zunächst als Ersatzteillager für Siedewasserreaktoren im Ausland. Ein Investor wollte später in dem fensterlosen Gemäuer mit seinen 1000 Räumen ein Abenteuerland einrichten, ein anderer einen „Friedhof für Senkrechtbestattungen“. Am treffsichersten zeigte sich der Künstler Friedensreich Hundertwasser. Er schlug ein „Museum der fehlgeleiteten Technologien“ vor. Doch alle Vorstöße scheiterten.

Telefon mit Wählscheibe: wie im Technikmuseum

Die EVN macht heute das Beste aus dem Fiasko und vermietet die Anlage. Im Kraftwerksinneren finden Betriebsfeiern, Konzerte, Modenschauen oder Messen statt. Die Turbinenhalle ist so groß, dass Autohersteller ihre neuesten Modelle umherfahren lassen. Auch als Filmkulisse haben der kirchenhohe Reaktor und das Gewirr aus Gängen, Hallen, Stiegen und Rohrleitungen schon gedient, etwa für den Katastrophenfilm „Restrisiko“ oder für die Kinoromanze „Grand Central“.

Außerdem erzeugt „Zwentendorf“ seit 2009 doch noch Strom. Allerdings nicht aus der Kernspaltung, sondern aus der Sonnenstrahlung. Auf den Dächern und Freiflächen des AKW sind Hunderte von Solarpaneelen angebracht. Mit Unterstützung der Technischen Universität Wien entstand das „Photovoltaik-Forschungszentrum Zwentendorf“. Jeden Freitag finden in der stillgelegten Anlage Führungen statt. Für ein Schmunzeln unter den Besuchern sorgen die Schutzoveralls samt Spezialunterwäsche, ein Kribbeln erzeugt der Reaktorkessel, in den die Brennstäbe hätten eingeführt werden sollen. Umgeben ist er von einem riesigen Sicherheitsbehälter, dem Containment, in das man von oben hineinsehen und von unten sogar einsteigen kann. Der Zugang führt durch eine kugelförmige Druckschleuse, die an die Rettungskapsel eines alten Hollywood-Raumschiffs erinnert.

Überall hängen Pumpen, Absperrventile, Manometer mit vielen Zeigern – die Ausstattung eines vordigitalen Zeitalters. „Wenn es eine Kernschmelze gäbe, dann würde das hier unten passieren“, sagt Stefan Zach trocken. Er ist so etwas wie der Hausherr des Kraftwerks. Eigentlich arbeitet Zach als Pressesprecher der EVN, sein Steckenpferd aber ist die Vermarktung des stillgelegten Meilers.

Zach empfängt Personen mit ganz unterschiedlichen Motiven. Japaner zum Beispiel, die wissen wollen, wie es im Innern von Fukushima aussieht, einem ähnlichen Reaktortyp. Der Katastrophenschutz hält in Zwentendorf Rettungsmanöver ab, am Vortag war eine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten hier, die das Abseilen an den Außenwänden geübt haben. Ganze Kraftwerksbesetzungen wurden hier schon nachgestellt. Immerhin komme auf diese Weise Geld in die Kasse, sagt Zach. Der Unterhalt des Betonmonsters kostet 400 000 Euro im Jahr: „Die spielen wir wieder ein.“ Eine besondere Rolle für den Erhalt von „Zwentendorf“ spielt die deutsche Nuklearindustrie. Bis 2011 nutzte die Kraftwerksschule Essen den Bau. Seit dem Atomausstiegsbeschluss im selben Jahr hat das Interesse zwar abgenommen, jetzt aber tut sich ein anderes Geschäftsfeld auf: der Abriss der Kraftwerke. Es gebe fünf baugleiche Reaktoren im Nachbarland, weiß Zach. Zwei hätten ihre „Rückbaubescheide“ schon und prüften derzeit, wie die Demontage zu bewerkstelligen sei.

Zwentendorf bietet sich für gefahrlose Trockenübungen an. „Bei uns können die Techniker jedes Bauteil ohne Schutzanzüge oder Tauchroboter inspizieren und sogar anfassen“, wirbt Zach. Die ersten Probetrainings von Bauunternehmen haben schon stattgefunden, die EVN hofft jetzt auf langfristige Buchungen. Etwa von Areva, einer ehemaligen Tochtergesellschaft des Siemens-Konzerns, der „Zwentendorf“ gebaut hat. Die Zerlegung und Beseitigung eines AKW dauere zehn bis zwanzig Jahre und koste mindestens 700 Millionen Euro, sagt Zach. „Von diesem Kuchen wollen wir uns ein Stück abschneiden.“ Derweil wird das Industriedenkmal immer mehr zu einem Besuchermagneten. Im Schatten des 110 Meter hohen Schornsteins haben Gastronomen ein zünftiges Holzhaus aufgebaut, das ursprünglich in Kärnten stand. Schon zur Mittagszeit ist die urige Gaststätte gesteckt voll mit Radwanderern, Einheimischen und Atomtouristen.

Die „Bärndorfer Hütte“, die für Bier und Gulasch bekannt ist, gehört der Familie von Ernst Scharl. Der Einundneunzigjährige war früher Wirt in Zwentendorf und erinnert sich gut an die Stammtisch-Diskussionen vor 40 Jahren. Er selbst befürwortete das Kraftwerk und hat sogar die Lohntüten für die Bauarbeiter aufbewahrt. „Der größte Zankapfel war die Endlagerung, da gab’s mächtig Streit im Wirtshaus.“ Heute ist auch Scharl froh, dass in seiner Heimat nie eine Kernspaltung stattgefunden hat. Der nutzlose Bau an der Donau habe auch sein Gutes, er ziehe Besucher an und trage den Namen Zwentendorf in die ganze Welt, sagt der alte Herr. Einer seiner Enkel arbeitet als Fremdenführer in dem Reaktor. Wenn die Anlage am Netz wäre, würde er sich Sorgen um den jungen Mann machen, sagt Scharl. „So aber nicht, es ist ja das sicherste Atomkraftwerk der Welt.“

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