Wirtschaft
Montag, 12.11.2018
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Der Volkswirt

Konfliktfeld Einwanderung

Eine neue Studie zeigt: Bei stark empfundener Zuwanderung sinkt die Bereitschaft, für den Sozialstaat zu zahlen. Massenzuwanderung kann zu sozialer Destabilisierung führen. Von Philip Plickert

Eine Frage, die polarisiert: Wie viel Migration verträgt der Sozialstaat?

Drei Jahre ist nun der Höhepunkt der Migrationswelle her, die Europa und besonders Deutschland im Herbst 2015 erreichte. Verstärkt wurde sie auch durch die ausgerufene Willkommenskultur. Die damalige Massenmigration hat zu scharfer gesellschaftlicher Polarisierung geführt. Zuwanderungskritische Parteien sind im Aufwind.

Die sozialökonomischen Folgen der Immigration, mögliche Chancen und Konflikte sind weiterhin hoch umstritten. Es gibt auch Ökonomen, die offene Grenzen und gänzlich freie Migration befürworten: Michael Clemens vom Center for Global Development in Washington etwa argumentierte, dass die völlige Abschaffung aller Migrationsbarrieren billionenschwere Wohlfahrtsgewinne möglich mache, wenn Menschen aus ärmeren Ländern in reichere Länder ziehen und dort produktivere Arbeit ausführen („Economics and Emigration: Trillion-Dollar Bills on the Sidewalk?“, Journal of Economic Perspectives 2011).

Allerdings besteht ein Spannungsfeld zwischen Migration und dem Sozialstaat, auf das Milton Friedman hinwies: Eine völlig freie Einwanderung und ein Wohlfahrtsstaat schließen sich aus, sonst wirke der Sozialstaat wie ein Magnet auf Migranten, die an Sozialleistungen partizipieren wollen. „Man kann nicht beides haben: freie Immigration und einen Wohlfahrtsstaat“, so Friedmans bis heute oft zitierte Position. Der umstrittene Historiker Rolf Peter Sieferle formulierte in seiner Schrift „Das Migrationsproblem“: Ein Sozialstaat mit offenen Grenzen sei so wie „Heizung aufdrehen bei offenem Fenster“, das wäre widersinnig und nicht nachhaltig.

Eine neue Studie, aufbauend auf repräsentativen Befragungen in sechs Ländern, kommt nun zu brisanten Ergebnissen zur Frage von Immigration und Umverteilung. Das Forscherteam um den Harvard-Ökonomen Alberto Alesina hat untersucht, wie sich eine hohe (wahrgenommene) Zuwanderung auf die Bereitschaft der Bürger zur Finanzierung eines Sozialstaates auswirkt („Migration and Redistribution“, NBER Working Paper, Oktober 2018). Befragt wurden jeweils mehrere tausend Menschen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Schweden. Die Ergebnisse sind in mehrerer Hinsicht aufschlussreich.

Zum einen finden sie, dass der Anteil der Immigranten an der Gesamtbevölkerung meist deutlich überschätzt wird, in manchen Ländern um das Zwei- bis Dreifache. Auch der Anteil der muslimischen Zuwanderer und der Zuwanderer aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika werde überschätzt. In der Tendenz gilt das über alle sozialen Gruppen hinweg, besonders überschätzen einfache Arbeiter aus Branchen, in denen viele Zuwanderer tätig sind, den Anteil an der Gesamtbevölkerung. Allerdings hängt der Befund einer verzerrten Wahrnehmung an der von Alesina gewählten engen Definition von „Immigrant“. Er meint damit nur jene, die in einem anderen Land geboren und dann (legal) eingewandert sind, nicht aber deren Nachkommen „mit Migrationshintergrund“, die oft in der Sprache und Kultur des Herkunftslandes aufgezogen werden. Nimmt man diese mit hinzu, kommen die Schätzungen der Befragten näher an die Realität.

Der zweite Befund ist dann brisant für alle Anhänger des Sozialstaatsprinzips: Je höher die Befragten die Immigration einschätzten, desto mehr nimmt ihre Bereitschaft ab, für staatliche Umverteilungsprogramme oder für andere Sozialleistungen und öffentliche Güter zu zahlen. Allein der Gedanke an Einwanderer und wie viel diese den Sozialstaat kosten, ließ die Finanzierungsbereitschaft sinken. Das zeigen Alesina und seine Kollegen anhand eines Experiments, indem die eine Hälfte der Befragten – per Zufallsgenerator ausgewählt – erst die Fragen zur Einwanderung und dann die zum Sozialstaat vorgelegt bekam; ihre Zahlungsbereitschaft war niedriger als bei den Umfrageteilnehmern, die erst ihre Antworten zum Sozialstaat gaben. „Wir finden einen signifikant negativen Effekt einfach dadurch, dass die Befragten über Immigration und ihre Zusammensetzung nachdenken“, schreiben Alesina, Armando Miano und Stefanie Stantcheva, die das bedauern, weil sie den Effekt der Fehlwahrnehmung der Realität zuschreiben.

Je kritischer die Befragten der Einwanderung gegenüber sind, desto stärker der Effekt; aber er ist signifikant über die gesamte repräsentative Befragung. Die Autoren verweisen auf Studien wie die von Erzo F. Luttmer („Group loyalty and the taste for redistribution“, Journal of Political Economy 2001), der herausfand, dass eine „racial group loyalty“ dazu führe, dass Bürger eher für sozialstaatliche Umverteilung sind, wenn sie glauben, ihre eigene ethnische Gruppe profitiere davon. Einige Ökonomen glauben, dass auch deshalb in den Vereinigten Staaten der Sozialstaat nur schwach ausgeprägt ist, weil es viel Rassismus gebe. Luttmer und Monica Singhal zeigten zudem in „Culture, context, and the taste for redistribution“ (American Economic Journal 2011), dass die Einstellungen zu staatlicher Umverteilung stark vom kulturellen Herkunftskontext geprägt sind.

Je heterogener Gesellschaften durch Einwanderung werden, desto mehr bröckelt also nicht nur der gemeinsame Wille zum Sozialstaat, es nehmen potentiell auch soziale Konflikte und Verteilungskämpfe zu. In den trostlosen französischen Vorstädten kann man es erleben, in denen sich konfliktreiche Parallelgesellschaften gebildet haben. Auch in einigen deutschen Großstädten gibt es Ansätze dazu. Das Konfliktpotential nimmt zu, je kulturell oder religiös fremder die Zuwanderer wirken. Der Entwicklungsökonom und Migrationsforscher Paul Collier hat in seinem Buch „Exodus“ gezeigt, dass eine gewisse Vielfalt und Diversität bereichernd und stimulierend wirkt. Überschreitet die Rate der Immigration das Maß, das die Mehrheitsgesellschaft absorbieren und integrieren kann, erodiere der Zusammenhalt und Gesellschaften drohten zu kippen, warnt Collier.

Die modernen Marktwirtschaften und Staaten beruhen auf zigtausend alltäglichen Tauschakten und Aushandlungsprozessen, um private und öffentliche Güter bereitzustellen. Sie hängen von „Kooperationsspielen“ ab, für die es ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen braucht, wie die Verhaltensökonomie und die Verhaltenspsychologie gezeigt haben. „Wenn die ethnisch-kulturelle Diversität in der Gesellschaft immer mehr zunimmt, wird ab einem gewissen Punkt die Zusammenarbeit schwieriger“, meint Collier. Wo genau der Punkt liegt, kann niemand exakt sagen. Es gehe um das richtige Maß an Vielfalt. Der heftige politische Streit über die hohe Zuwanderung, der die europäischen Länder seit drei Jahren zu spalten droht, ist kein gutes Omen.

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