Wirtschaft
Donnerstag, 14.02.2019
Donnerstag, 14.02.2019

Jedes vierte Windrad steht im Schutzgebiet

Gefahr für Vögel: Windräder stehen in der Kritik von Natur- und Artenschützern.
© dpa

Gut gemeint, aber nicht gut gemacht: Die Energiewende versetzt Naturschützer in Alarmstimmung. Arten sterben, Äcker fehlen, die Landschaft leidet.

ami. BERLIN, 13. Februar. Die Energiewende ist teuer – im Januar zahlten die Stromkunden laut Netzbetreibern allein 2,1 Milliarden Euro Förderumlage. Aber das ist nicht das einzige Problem: Die Orientierung hin zu mehr erneuerbaren Energien beansprucht immer mehr Fläche und gefährdet den Artenschutz. Zuletzt wurden nach einer neuen Übersicht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) in Deutschland Energiepflanzen auf 2,4 Millionen Hektar Ackerland angebaut. Damit war ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche für die Produktion von Biogas oder Biosprit blockiert. Hinzu kommt der Platz, den die knapp 30 000 Windkraftanlagen, die Ende 2018 laut dem Branchenverband BWE an Land installiert waren, samt Anfahrtswegen und Leitungen verbrauchen. Doch der werde in der Flächenverbrauchsstatistik erst gar nicht erfasst.

Vor diesem Hintergrund schlägt das Amt nun Alarm: „Die Energiewende muss natur- und umweltverträglich erfolgen“, verlangt BfN-Präsidentin Beate Jessel. Ihre Botschaft: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Ein großer Teil der Energiewende stehe noch bevor. Von heute 35 Prozent soll der Anteil des Ökostroms an der Elektrizitätsversorgung bis 2030 auf 65 und dann 80 Prozent im Jahr 2050 steigen. Zugleich weist der Erneuerbare-Energien-Report auf die – nicht nur durch die Energiewende – angespannte Lage im Artenschutz hin. Ein Drittel der hiesigen Tier- und Pflanzenarten gelte als „im Bestand gefährdet“, zwei Drittel würden immerhin als gefährdet eingestuft.

Schon lange hadern Umweltschützer mit der Konkurrenz zwischen Klima- und Artenschutz. Immer wieder kommen Klagen, etwa aus Reihen des Naturschutzbunds Deutschland, darüber, dass Vögel in die Rotoren von Windrädern gerieten oder dass geschützte Arten wie der Rotmilan gezielt vergrämt oder getötet würden, damit Windräder errichtet werden könnten. Laut BfN stehen überdies schon „rund 26 Prozent aller Windenergieanlagen in Deutschland in Schutzgebieten“. Dabei könnten die Anlagen selbst dann „erhebliche Auswirkungen auf Natur und Landschaft haben“, wenn sie außerhalb von Schutzgebieten stünden.

Die Autoren des Reports, in dem 40 Projekte rund um „Naturschutz und erneuerbare Energien“ ausgewertet wurden, kommen zu einer Reihe handfester Empfehlungen: Wenn die Erneuerbaren schon ausgebaut werden müssten, um die Ziele der Energiewende zu erreichen, dann müsse dies „im Einklang mit den Zielen des Natur- und Umweltschutzes“ geschehen. Der Ausbau sei „bewusst so zu steuern, dass er im Einklang mit Natur und Landschaft verwirklicht wird“. Die künftige Planung von Windparks müsse auch stärker die Auswirkung auf das „Landschaftsbild und Landschaftserleben“ berücksichtigen. „Es müssen naturnah wirkende Landschaften ohne technische Überprägung erhalten bleiben.“ Nur so könne man auf die notwendige Akzeptanz der Menschen vor Ort hoffen.

Vor allem gehe es um eine landschafts- und standortbezogene Mischung aus flächeneffizienter Ökostromerzeugung mit einer möglichst niedrigen Auswirkung auf Mensch, Natur und Landschaft. Die Lösung der Bundesnaturschützer heißt hier vor allem: mehr Solarstrom.

Aber der soll nicht aus Freiflächenanlagen stammen, denn auch die haben kritische Folgen für den Natur- und Artenschutz. Besser wäre es, dafür ungenutzte innerstädtische Dächer zu belegen. Das habe zudem den Vorteil, dass Erzeugung und Nutzung eng beieinander lägen. Biogasanlagen seien auch keine Alternative: „Für Bioenergie ergeben sich keine ausbaufähigen naturverträglichen Handlungsoptionen.“ Vor allem weisen die Forscher darauf hin, dass vor dem Neubau weiterer Windräder die Themen größerer Effizienz beim Energieeinsatz und mehr Einsparungen beim Energieverbrauch auf der Tagesordnung stehen sollten.

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