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Die acht Gesetze der Digitalisierung

Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche. Sie wird dennoch fast immer in Einzelbeobachtungen betrachtet. Dabei gibt es acht gesetzmäßige Veränderungen gegenüber der analogen Welt.
Von Stefan Kirmße, Helmut Schneider
Illustration Peter von Tresckow

Digitalisierung bedeutet, dass etwas Nichtdigitales (ergo: Analoges) digital wird. In einem Binärcode meint Digitales nichts anderes als eine aus Nullen und Einsen bestehende Information. Digitalisierung kann im Ergebnis als eine folgenreiche Übersetzung in Maschinensprache definiert werden. Mittels dieser Maschinensprache als Abfolge von Befehlen verarbeiten (virtuelle) Automaten Daten. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Aspekte der analogen Welt (zumindest heute und in absehbarer Zukunft) in Maschinensprache übersetzbar sind. Während es beispielsweise leicht möglich ist, Musik zu digitalisieren, gilt dies für ein Konzerterlebnis nicht. Der Kontext des Musikerlebnisses und die damit verbundenen Emotionen sind (zumindest heute) nicht digitalisierbar. Die Folgen der Digitalisierung gelten damit nur für die Bereiche des analogen Lebens, die übersetzbar sind. Auch in der Wirkungsanalyse von Digitalisierung hilft diese Identifikation von „Unübersetzbarkeiten“. Für manche Geschäftsmodelle liefern sie möglicherweise einen Lösungsbeitrag bei der Suche nach Stabilität oder geringerer Angreifbarkeit in Zeiten der Digitalisierung.

Digitale Informationen können auf Basis sich verändernder Infrastrukturen mit sehr hoher, immer weiter zunehmender Geschwindigkeit transferiert respektive transportiert werden. Die Informationen sind sehr schnell und verlustfrei kopierbar sowie sehr leicht und kostengünstig zu lagern. Digitale Codes sind universell für Maschinen verständlich. Schließlich können digitale Informationen von Maschinen leicht analysiert werden. Bei jeder dieser sechs Eigenschaften ist der Unterschied zu analogen Codes exorbitant. Die skizzierten Eigenschaften sind Basis für die Analyse der Folgen der Digitalisierung. In ihrer Kombination konstituieren sie die folgenden acht digitalen Folgegesetze, die im Sinne von Prinzipien den Anspruch auf universelle Geltung haben und Grundlage für die Abschätzung von Folgen der Digitalisierung sind.

1.GrenzkostenmarginalisierungGrenzkosten bringen die zusätzlichen Kosten zum Ausdruck, die bei Produktion einer zusätzlichen Einheit entstehen. Im Gegensatz zu analogen Produkten verursacht die Produktion eines zusätzlichen digitalen Produktes kaum bis keine zusätzlichen Kosten. Eine digitale Musikdatei einem zusätzlichen Nutzer zur Verfügung zu stellen verursacht keine zusätzlichen Kosten. Wenn nun aber aus der Gewinnfunktion eines Unternehmens abgeleitet werden kann, dass das Gewinnmaximum dann erreicht wird, wenn der Grenzgewinn null wird, somit Grenzumsatz gleich Grenzkosten ist, hat dieses fundamentale Folgen für Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. Da die Grenzkosten eines digitalen Produktes gegen null gehen, heißt das, dass das Gewinnmaximum dann erreicht wird, wenn der Grenzumsatz gegen null geht. Daraus wird das aktuelle Streben nach möglichst schnellem Umsatzwachstum und Marktanteilsgewinnen digitaler Unternehmen erklärbar. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass die Grenzkosten eines digitalen Produktes immer geringer sind als die eines analogen Produktes. Dieses muss aufgrund beispielsweise fixer Entwicklungskosten nicht für die Gesamtkosten gelten.

2.InformationssymmetrisierungDa digitale Codes leicht kopierbar, schnell und kostengünstig verteilbar sind, reduzieren sich in der digitalen Welt Informationsasymmetrien. Der früher möglicherweise schlechter informierte Akteur im Rahmen einer Transaktion kann diesen Nachteil heute schnell und kostengünstig eliminieren. Geschäftsmodelle, die auf der Nutzung von Informationsvorsprüngen basieren, werden somit in einer digitalen Welt grundsätzlich gefährdet sein. Gleichzeitig besteht natürlich der Anreiz des Aufbaus und der Nutzung neuer Informationsasymmetrien.

3.Neue ErkenntnisgalaxienDas Wissen um Zusammenhänge hängt im Wesentlichen von der Fähigkeit ab, Phänomene erstens zu erfassen (Daten zu sammeln) und diese zweitens in kausale Beziehungen zueinander zu setzen (durch intelligente Interpretation in Informationen umzuwandeln). Die Digitalisierung verändert beide Faktoren in erheblichem Maße. Die Masse an verfügbaren Daten wächst exponentiell, und Maschinen können in diesen Daten Muster erkennen, die Menschen nicht entdecken.

4.Emanzipation von Raum und ZeitWenn sich eine Tätigkeit beziehungsweise deren Output in Maschinensprache übersetzen lässt, ist der Ort der Verrichtung irrelevant. Ebenso steigen die Freiheitsgrade im Hinblick auf die Zeit. Durch die Digitalisierung verändern sich somit die Koordinationserfordernisse hinsichtlich der Dimensionen Raum und Zeit. Durch die schnelle Transferierbarkeit von digitalen Informationen entfällt beispielsweise die Notwendigkeit, gemeinsam an einem Ort zu arbeiten. Die kostengünstige Speicherbarkeit und Lagerfähigkeit digitaler Informationen ermöglicht die zeitliche Entkopplung bislang synchroner Prozesse. So können beispielsweise Bildungsprozesse zunehmend zu den aus Sicht des Bildungsnehmers optimalen Zeiten stattfinden.

5.Neue SicherheitsparadigmenIn einer digitalen Welt verändern sich die Bedrohungsszenarien für schützenswerte Dinge fundamental. Diebstahl, Erpressung und viele weitere Bedrohungspotentiale bedürfen in einer digitalen Welt einer grundlegend veränderten Sicherheitsarchitektur. Nicht ohne Grund wurde bei der Bundeswehr neben Heer, Luftwaffe und Marine eine vierte „Waffengattung“ namens „Cyber- und Informationsraum“ etabliert.

6.GeschwindigkeitsexplosionProzesse in der digitalen Welt können mit hoher Geschwindigkeit in Teilen quasi gleichzeitig ablaufen. Räumliche Distanzen spielen in der digitalen Welt keine Rolle mehr. Immer dann, wenn Zeit ein bedeutender Wettbewerbsfaktor ist, haben digitale Akteure stets einen Wettbewerbsvorteil im Vergleich zu analogen Akteuren. Eine spezifische Herausforderung taucht dort auf, wo es einen Gesamtprozess gibt, der sich aus digitalen und analogen Teilprozessen zusammensetzt. In diesem Fall ist der analoge Prozess der kritische Faktor für die Gesamtprozesszeit und steht daher unter erheblichem Druck, der durch die digitale Geschwindigkeitserwartung der Käufer noch erhöht wird. (Ein Beispiel hier ist die Lieferzeiterwartung für online bestellte analoge Produkte wie Bücher.)

7.SchnittstellenzentralisierungIn einer digitalen Welt besteht das Erfordernis einer Übersetzung an der Schnittstelle Mensch/Maschine, da der Mensch nicht in Maschinensprache kommunizieren kann. Ökonomisch sinnvoll ist die Zentralisierung dieser Übersetzungsaufgabe. Der Übersetzungsauftrag wird immer an das gleiche Übersetzungsbüro erteilt. Zentrale technische Schnittstelle zur digitalen Welt ist für die überwiegende Anzahl der Menschen das Smartphone geworden. Als „Übersetzungsbüros“ fungieren Google, aber auch Siri oder Alexa. Es wird interessant zu beobachten sein, ob sich in der Zukunft nur noch ein Standard für die Interaktion zwischen Mensch und Maschine unabhängig von der Art der Menschensprache (Sprache, Schrift, Mimik und Gestik) herausbilden wird. Die Schnittstellenzentralisierung führt zu erheblichen ökonomischen und politischen Machtpositionen, die nicht zuletzt neue Regulierungsfragen aufwerfen.

8.TransaktionskostensenkungTransaktionskosten sind die Kosten, die im Zusammenhang mit einer Transaktion anfallen. Es kann sich um Such- und Informationskosten, Anbahnungskosten, Abschluss-, Koordinations- oder Überwachungskosten handeln. Diese Transaktionskosten gehen in einer digitalen Welt dramatisch zurück oder verschwinden ganz. Sämtliche Geschäftsmodelle, die auf der Senkung von Transaktionskosten basieren, stehen damit unter Druck oder sind gefährdet. Ähnliches gilt für institutionelle Arrangements, deren Legitimation wesentlich auf ihrer transaktionskostensenkenden Funktion beruht, wie beispielsweise politische Repräsentationssysteme.

Für Unternehmen bietet es sich an, den eigenen Wertschöpfungsprozess als Basis seines Geschäftsmodells heranzuziehen. Zu klären sind die Nutzendimension (welcher Kundennutzen wird gestiftet?), die Architekturdimension (wie ist die Wertschöpfung intern und extern organisiert?) und die Erlösdimension (wie werden Erlöse erzielt?). Die Analyse in Bezug auf Auswirkungen der Digitalisierung bietet sich dabei in genau dieser Reihenfolge an. Wenn der Kundennutzen durch die Digitalisierung entfällt, muss man sich über Architektur und Erlöse keine Gedanken mehr machen.

Abschließend soll als Ausgangspunkt von derartigen Analysen noch verdeutlicht werden, wann durch die Digitalisierung die Nutzendimension eines Geschäftsmodells gefährdet wird:

1. Wenn der Nutzen auf der opportunistischen Ausbeutung von Informationsvorsprüngen beruht.

2. Wenn das Kundenproblem im digitalen Neuland nicht mehr existiert.

3. Wenn das Kundenproblem zwar weiterhin existiert, aber auch digital gelöst werden kann.

Stefan Kirmße, Managing Director der Unternehmensberatung zeb.rolfes.schierenbeck. Helmut Schneider ist Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der Steinbeis-Hochschule Berlin

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