Wirtschaft

Atomausstieg

„Laufzeitverlängerung von AKW technisch möglich“

Atomfreundlicher Aktionskreis lobbyiert bei der FDP, aber selbst die Betreiber halten das Thema für erledigt
Seit 1989 in Betrieb: Das Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 soll geplant Ende 2022 vom Netz gehen. dpa

itz. Berlin Hohe Strom- und Gaspreise, Angst vor Versorgungsengpässen, Warnungen vor dem Klimakollaps: Angesichts solch dringender Fragen erfährt die Kernenergie in einigen Ländern eine Renaissance. In Deutschland indes gibt es keine Diskussion darüber, für den Klimaschutz und als Reserveenergie die Atomkraftwerke (AKW) weiterlaufen zu lassen – obgleich das technisch möglich wäre. Darauf weist eine Analyse des Aktionskreises Energie und Naturschutz (Aken) hin, die dieser nach eigenen Angaben der FDP-Spitze für die Verhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung vorgelegt hat. Dem Vernehmen nach haben die Liberalen das Papier aber bisher nicht in die Gespräche eingebracht.

Die Analyse, die der F.A.Z. vorliegt, stützt sich auf Erhebungen unter namentlich nicht genannten „Vorständen und Führungskräften führender Unternehmen der Kerntechnik und der Betreiber von Kernkraftwerken“. Den Angaben zufolge könnten aus technischer Sicht alle sechs noch verbliebenen Atommeiler über die geplanten Abschalttermine Ende 2021 und Ende 2022 hinaus weiter am Netz bleiben, wenn die Politik einen Ausstieg vom Atomausstieg beschlösse.

Die Laufzeitverlängerung wäre möglich, da sich die Anlagen auf dem Stand der Technik befänden und alle Anforderungen nach der Katastrophe von Fukushima 2011 berücksichtigt hätten. Die Gesamtkosten für den Weiterbetrieb beziffert Aken auf eine Milliarde Euro. Nötig seien aber rechtliche Garantien für mindestens 15 Jahre. Jedes Jahr ließen sich so gewinnbringend 64 Terawattstunden „emissionsfreier Strom“ erzeugen. Es gebe etliche Herausforderungen, die aber lösbar seien: etwa die Rekrutierung und Ausbildung junger Ingenieure und Techniker oder die Beschaffung neuer Brennelemente. Deutschland habe einen Bedarf von weniger als 2 Prozent am globalen Uranmarkt, die Produktion neuer Brennstäbe dauere 18 Monate. Übergangsweise könnten zudem ältere genutzt werden. Jedes Jahr fielen etwa 150 Tonnen abgebrannte Brennelemente an. Beim Personal und bei den Lieferketten für Zulieferungen müsse man nötigenfalls auf das Ausland ausweichen.

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Das Papier des Aktionskreises, der zu den letzten AKW-Befürwortern in Deutschland zählt dem Wissenschaftler und Berater angehören, schlägt vor, dass das Bundeswirtschaftsministerium ein Rückbauverbot erlassen und der Bundestag das Atomgesetz novellieren und eine Bestandsgarantie für 15 oder 20 Jahre abgeben müsse. In dieser Zeit ließen sich rund eine Gigatonne CO2-Emissionen einsparen. Die am Netz verbleibenden Nuklearreaktoren „wären dann eine ressourcenschonende, Versorgungssicherheit steigernde, bezahlbare Brückentechnologie“, heißt es in dem Papier.

Fachleute aus der Branche, die ungenannt bleiben wollen, bestätigen die technische Machbarkeit. Doch politisch ist der Umschwung unrealistisch und wird auch von den letzten Betreibern PreussenElektra, EnBW und RWE nicht befürwortet. Der Verband KernD – früher Deutsches Atomforum – lehnt die Laufzeitverlängerung ebenfalls ab. Die Sache sei „erledigt“, teilen die Betreiber unisono mit. Es gehe jetzt nur noch um den Rückbau und um die Energiewende. 2010 hatte Deutschland zunächst die Laufzeiten seiner AKW verlängert, nach „Fukushima“ dann aber auf spätestens 2022 verkürzt.

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