Wirtschaft

Medizin

Albanien will das deutsche Gesundheitswesen nicht mehr finanzieren

Deutschland ist das Traumziel vieler Ärzte vom Westbalkan. Albanien schiebt dem Exodus nun einen Riegel vor. Denn er gefährdet das eigene Gesundheitssystem.
Von Andreas Mihm
Hohe Abwanderungsraten: Eine Krankenschwester betreut eine Patientin in Albanien Visum

Erst im April hatte Edi Rama seinen Ärzten und Krankenschwestern „die historisch größte Gehaltserhöhung“ versprochen. 131.000 Lek würde das Monatseinkommen eines Allgemeinmediziners, 174.000 Lek das eines Facharztes danach künftig betragen, umgerechnet 1254 Euro für den Allgemein- und 1670 Euro für den Facharzt. Das wäre mindestens doppelt so viel, wie der albanische Durchschnittsverdiener mit 631 Euro verdient – aber immer noch nur ein Bruchteil dessen, was der Facharzt in einem deutschen Krankenhaus nach Hause trägt. Dorthin zieht es aber immer mehr albanische Ärzte. Um die Abwanderung nach Deutschland zu stoppen, die zu gravierenden Engpässen in der angeschlagenen Gesundheitsversorgung des Landes führt, hat der albanische Ministerpräsident nun nachgelegt.

Seit voriger Woche berät das Parlament ein Gesetz, nach dem ausgebildete Ärzte ihr Diplom erst ausgehändigt bekommen, wenn sie 5 Jahre lang am heimischen Patienten gearbeitet haben. Das soll eine frühzeitige Abwanderung unterbinden. Das Gesetz soll am 20. Juli im Eilverfahren beschlossen werden, berichten lokale Medien. Dass Rama die Stimmen dafür bekommt, bezweifelt niemand.

Das albanische Volk zahle keine Steuern für die Ausbildung von Ärzten, die „am ersten Tag nach dem Examen abreisen“, begründete Rama die Änderung. Die Regel betrifft auch jene, die schon Medizin studieren. Studenten im zweiten bis vierten Studienjahr müssten künftig mindestens 3 Jahre im Land arbeiten, jene im fünften und sechsten Jahr mindestens 2 Jahre. Wer vorher gehen will, solle dem Staat die Ausbildungskosten zurückzahlen. Details dafür sollen nachgereicht werden.

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Medizinstudenten reagierten mit erbosten Protesten. Kritiker warfen Rama laut dem Recherchenetzwerk Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) Vertragsbruch vor und erinnerten daran, dass Ärzten damit auch der Weg zur Fortbildung ins Ausland versperrt werde.

Die Gesetzesänderung kommt nicht überraschend. Rama hatte sie verschiedentlich angekündigt. Ende März hatte er auf einem Gesundheitskongress in Tirana gesagt: „Der albanische Staat finanziert keine Studenten für das deutsche Gesundheitssystem.“ Das erinnert an einen wütenden Ausruf des serbischen Staatspräsidenten Aleksandar Vučić vor drei Jahren. Der hatte in Richtung des nach Pflegekräften suchenden deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) gesagt: „Ich möchte nicht, dass du nach Serbien kommst und meine Schwestern abholst.“

Anteil ausländischer Ärzte kontinuierlich zugenommen

Die Zahl der vom Westbalkan stammenden, in Deutschland tätigen Ärzte steigt seit Jahren an. Ende 2022 waren es nach Angaben der Bundesärztekammer 1081 Mediziner aus Albanien (9,4 Prozent mehr als im Vorjahr), aus Bosnien-Hercegovina stammten 690 (plus 6,6 Prozent), aus dem Kosovo 429 (plus 8,6 Prozent) und aus Serbien 1849 (plus 4,9 Prozent). Nur aus der Türkei (19,9 Prozent) und Weißrussland (16,2 Prozent) war der Zuzug relativ höher.

Mediziner, die nach Deutschland auswandern, nennen neben den besseren Gehältern auch immer wieder die schlechten Arbeitsbedingungen zu Hause – was interessanterweise einer verbreiteten Klage deutscher Ärzte über ihre Lage entspricht. Der Anteil ausländischer Ärzte in Deutschland hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Laut Bundesärztekammer erreichte die Zahl der im Ausland ausgebildeten, in Deutschland tätigen Mediziner Ende 2022 den Rekordstand von 59.188, ihre Zahl hat sich binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Ohne den Import ausländischen Medizinpersonals funktionierte das deutsche Gesundheitssystem schon lange nicht mehr.

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„Fast 30 Prozent der Studenten, die ihr Studium im selben Jahr wie ich abgeschlossen haben, sind nach Deutschland gegangen“, wurde eine junge albanische Ärztin, die in den Niederlanden praktizierte, 2021 in einer Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche zur Auswanderung aus Albanien zitiert. Die, die gingen, seien oft die besten Ärzte. „Ich sage die Besten, weil sie in der Lage sind, die Sprache, also Deutsch, schneller zu lernen und die Arbeit besser zu machen.“

Seither ist das Problem nicht kleiner geworden. Wie groß es für Albaniens Mi­nisterpräsidenten Rama ist, hatte sich Anfang März gezeigt. Bei seinem Berlinbesuch bei Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) stand das Thema auch auf der Tagesordnung. Er habe mit dem Kanzler darüber gesprochen, was zu tun sei, damit die 2,8 Millionen Einwohner Albaniens nicht zum Finanzier des deutschen Gesundheitswesens würden, sagte Rama hernach: „Unsere Medizinstudenten zahlen nur ein Sechzehntel der anfallenden Kosten selbst, den Rest zahlt die Regierung.“ Scholz hatte dem EU-Anwärter mit dem Hinweis auf die hohe Bedeutung der in der Gemeinschaft geltenden Freizügigkeit geantwortet.

Auch Krankenschwestern wandern ab

Dass die Abwanderung aus dem Medizinsektor in die reicheren EU-Staaten, allen voran nach Deutschland, viele Länder Südosteuropas vor große Probleme stellt, ist bekannt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat unlängst in einer Migrationsstudie bekräftigt, dass der medizinische einer jener Wirtschaftssektoren sei, „in denen in allen Ländern des westlichen Balkans hohe Auswanderungsraten beobachtet wurden“. Der stärkste Aufbau von Beschäftigung unter Migranten aus dem Westbalkan in Deutschland habe von Mitte 2019 bis Mitte 2022 im Gesundheitswesen stattgefunden. 2021 seien 8 Prozent der Arbeitsmigranten vom Westbalkan im Gesundheitswesen beschäftigt gewesen, ebenso viel wie in der Pflege und im Gaststättengewerbe.

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Das verschärfe vor Ort den Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen. Dass es unterfinanziert ist, mit einem gemessen am EU-Niveau unterdurchschnittlichen Staatsanteil und überdurchschnittlich hohen Zuzahlungen der Patienten, macht die Lage nicht einfacher. Schon heute sei die Zahl der Ärzte pro Kopf der Bevölkerung in der Region nur halb so groß wie im Durchschnitt der EU, weiß die OECD. Während in der EU 5 Ärzte pro 1000 Einwohner bereitstünden, seien es in Albanien nur 1,6 und in Serbien lediglich 3,1. Ähnlich verhalte es sich mit anderem medizinischem Personal: die durchschnittliche Pro-Kopf-Zahl von Krankenschwestern und Hebammen in der Region sei nur knapp halb so hoch wie im EU-Schnitt.

Nach der OECD-Untersuchung arbeiteten in den Jahren 2017 und 2018 mehr als 2700 serbische und 1500 mazedonische Ärzte in OECD-Ländern. Das habe einem Anteil von 8 und 22 Prozent der heimischen Ärzteschaft entsprochen. Von den 800 in Albanien ausgebildeten Ärzten seien 18 Prozent ausgewandert.

Krankenschwestern machen es ihnen nach. Albanien habe mit 1042 zwar die höchste Ausbildungsrate von Krankenschwestern, aber mit 9 Prozent auch die höchste Abwanderungsrate auf dem Westbalkan. Von Plänen, auch den in der EU und Deutschland gefragten Pflegekräften die Abwanderung zu erschweren, ist allerdings noch nichts bekannt.

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